Archiv für Juli 2010

Vor dem Spiel ist nach dem Spiel

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 neigt sich ihrem Ende zu. Viele Spiele konnte man sich anschauen und dabei die Stimmung unter den Fans beobachten und miterleben. Diese Stimmung war dabei, wie bei jeder Weltmeisterschaft, mit nationaler Identität aufgeladen – warum sonst die Fahnenmeere in Straßen, Läden, Kneipen und an öffentlichen Übertragungsorten. Die Symbole der Nationen waren 4 Wochen lang allgegenwärtig – ohne Fluchtmöglichkeiten. Es folgt nun eine kleine Abhandlung darüber, wie aus dieser national aufgeladene Stimmung über den Umweg eines sportlichen Ereignisses nationalistische Hetze werden kann.

Sind wir doch einmal ehrlich: Die Fußball WM hat mit Fußball nur am Rande zu tun. Sicherlich schauen sich viele die Spiele auch aus sportlicher Begeisterung heraus an. Am wichtigsten scheint jedoch das Drumherum, vor allem das nationale Drumherum. Warum sonst bekleiden und schminken sich Menschen, die ansonsten nichts mit Fußball am Hut haben, mit den Trikots und Farben der Nation zu der sie sich dazurechnen? Warum feiern sie die Siege dieser Nation lautstark und mit Begeisterung? Die Antwort ist naheliegend: Es spielt ja nicht irgendwer Fußball, es spielt die deutsche (oder sonstige) Nationalmannschaft oder ganz kurz gesagt – „wir“ spielen! Da rennen plötzlich nicht mehr 11 Männer (leider selten Frauen) sondern „wir“ rennen da. „Wir“ gewinnen und „wir“ verlieren.

Das Fußballfest ist also nur eine Plattform für ein Fest der nationalen Identitäten. Es geht um Zugehörigkeit bzw. Abgrenzung. Nichts anderes ist eine Nation. Es ist ein staatliches Hoheitsgebiet das alle in ihm lebenden Menschen als „deutsch“, „spanisch“, „…“ inländisch“ definiert und alles andere als „ausländisch“, „fremd“ „anders“ betrachtet und auch dementsprechend behandelt. Der einzelne Mensch ist in der Wahrnehmung dann zuerst „deutsch“, „spanisch“, „…“ mit „deutschen“, „spanischen“, „…“ Eigenschaften und Merkmalen statt ein Individuum mit individuellen Eigenschaften und Merkmalen– das gilt für die Menschen der „eigenen“ Nation ebenso, wie für die Menschen der „ausländischen“ Nationen. Was dabei „deutsch“ oder „argentinisch“ ist, ist reine Willkür. Zwar erscheinen „nationalen“ Traditionen und Werte vielleicht als eine nationale Identität, aber diese wurden zu Zeit der Entstehung von Staat und Nation aus verschiedenen kulturelle Hintergründen einfach so übernommen und als „national“ definiert. Und ganz nebenbei: norddeutsche Menschen verstehen sich sprachlich und kulturell wahrscheinlich besser mit niederländischen als mit bayerischen Menschen. Das zeigt wie Schwachsinnig die Einteilung der Menschen in Nationalitäten eigentlich ist.

Schwachsinn oder nicht – die Fans identifizieren sich positiv mit ihrer Nation – sie ist Teil ihrer Persönlichkeit, ihrer Traditionen, Normen und Werte. Fans sind Stolz darauf „deutsch“, „…“, zu sein und sie wollen das eigene Land ganz oben sehen, sie wollen die Besten sein. Verliert die Mannschaft verliert auch der Fan, ist traurig und beschämt von der Leistung „seiner“ Mannschaft. Da wundert es auch nicht warum so viele Emotionen in ein Spiel hinein projiziert werden. Schließlich geht es nicht nur um Sieg und Niederlage eines Spieles, es geht um die eigene Identität.

Das ist also die Ausgangslage vor dem Turnier, vor dem Spiel – ein bei manchen unterschwelliger, bei manchen offener Nationalismus. Somit ist schon fast sicher, dass das ein Fußballspiel nur noch sehr schwer objektiv und neutral betrachtet werden kann.
Während dem Spiel dann wird Stimmung gemacht für die eigene Mannschaft und die eigenen Fans – eine gruppendynamisches Heraufbeschwören der nationalen Gemeinschaft. Wenn man auch sonst nichts gemeinsam hat, sich im privaten auch nicht gut leiden kann – „heute zählt nur,dass wir alle Deutsche (Engländer, …) sind!“ Und gegensätzlich dazu kann die beste Freundschaft die nationalen Grenzen in den Köpfen mancher Fans nicht überwinden. Irrsinn – aber emotional aufgeladene Verhaltensweisen entziehen sich manchmal einer rationalen Logik. Natürlich gibt es auch einen abgeschwächten Nationalismus, den Patriotismus. Dieser gesteht ein, das keine Nation besser ist als eine andere und es deshalb ein gelingendes Nebeneinander der Nationen gibt. Das ist natürlich ein Unterschied, aber der Kern bleibt der gleiche: „Wir“ und die anderen.

Was während eines Spieles geschieht ist dann auch wichtig für das was danach passiert. Ein kleines Beispiel aus der diesjährigen WM soll das veranschaulichen:
Es soll in einem Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft einen „spanischen“ Schiedsrichter gegeben haben, der das Spiel „verpfiffen“ haben soll. „Verpfiffen“ heißt hier natürlich, dass er sich in bestimmten Spielsituationen willentlich gegen Deutschland entschieden habe – und das wäre die Ursache der Niederlage gegen Serbien. Es soll ja vorkommen, dass Schiedsrichter unvollkommene Wesen sind und manchmal Fehlentscheidungen treffen. Wie aber reagierten deutsche Fans darauf?
Die Leistung des Schiedsrichters wird natürlich nicht nur als Einzelleistung eines Menschen betrachtet, wichtig ist das er Spanier ist. Und dieser Spanier ist nicht nur vor den deutschen Spielern auf dem Rasen in Ungnade gefallen – nein, er ist es vor ganz Deutschland. „Der Spanier hat uns Deutsche um unseren verdienten Sieg gebracht“ schreit es, denn „der hätte ja wohl was gegen Deutschland!“ Ein Skandal der nach Rache dürstet, hörte ich doch jemanden sagen: „Ich hoffe, dass die Spanier irgendwann im Turnier einen deutschen als Schiedsrichter bekommen – dann können die heimfahren!“ Aus dem sportlichen Geschehen heraus ist in den Köpfen der Fans schnell ein nationaler Konflikt entstanden.

Erinnert sich noch jemand an die WM in Deutschland – die „Welt zu Gast bei Freunden“? Die Gäste aus Italien merkten sehr schnell, wie weit hergeholt es mit der Gastfreundschaft war, auch wenn sie seit Jahren in Deutschland lebten. Die Niederlage gegen Italien war Grund genug alle Italiener als „Weicheier“ und „Heulsusen“ zu beschimpfen und zu denunzieren. Der eine oder andere neigte gar dazu die „Weicheier“ zu verprügeln. Auch wenn der beschimpfte oder verprügelte sich gar nicht als Italiener sieht – italienische Vorfahren oder italienischer Pass und der deutsche Fan wusste mit wem er es da zu tun hat. Der einzige friedliche Möglichkeit bestand für den deutsch-nationalen Fan darin, das der Italiener uneingeschränkt die deutsche Nationalmannschaft und Deutschland lobpreiste. Die Politik spricht da gerne von gelungener Integration.
Genauer betrachtet ist das alles jedoch nationalistische Hetze, getarnt in sportlicher Auseinandersetzung, schließlich gehe es ja nur um den Sport. Hetze ist es deshalb, weil Situationen die im Fußball vollkommen normal sind, wie eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters, umgedeutet werden in besondere, für eine Nation typische Verhaltensweisen. Und weil der nationale Fan nicht nur auf einem Auge blind ist, vergisst er ganz und gar das auch landsmännische Schiedsrichter gerne mal Fehlentscheidungen treffen.

Wo der Kern einer Weltanschauung auf der Ein- und Ausgrenzung von Menschen und deren Unterordnung unter ein große nationale Gemeinschaft aufbaut, ist es eine logische Konsequenz das aus der nationalen Identität auch schnell nationale Hetzte entstehen kann. Wer Stolz ist auf sein Vaterland – also auch der Party-Patriot von neben an – der hat alles ideologisches Handwerk im Gepäck um von nationaler Identität zur nationalistischen Hetze zu gelangen. Gerade in Deutschland sollte man sich wohl bewusst sein, wo blinder Nationalismus enden kann.

In diesem Sinne – ein schönes Leben nach der WM! Die nächste kommt bestimmt!

Ein Flugblatt der Libertären Initiative Stuttgart (LISt)
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