LINIENSTURM
Kleingedruckter, verwirrender Text über den Ausbruch aus dem, was wir Identität nennen
Technik durchdringt Technik, Kabel wickeln sich um Gehäuse- und die Stimme von sanftem Stahl durchdringt die Halle. Punkt 7 Uhr 14, die rollende, massen-verschlingende Tausendfüßlerkopie transportiert wieder eine Ladung Menschen zu einem Ort, der nur einem bestimmten Zweck dient. Ein Quietschen- Metall auf Metall. Das Quietschen dient den Insassen als Zweck, die Insassen dienen der Wirtschaft als Zweck, die Wirtschaft dient einer perversen Umklammerung des Menschen an Greifbares als Zweck. Zweck an Zweck gereiht, ein Kreislauf wie beim Motorsport. Und ich stehe nebenan und bin einer der Zuschauer. Nicht, dass ich der einzige Zuschauer wäre, ich bin nur der einzige der nicht wirklich zuschaut. Ich habe genug gesehen. Deswegen sitze ich hier- nicht nur, weil ich mit mir selbst nichts anfangen kann. Nicht nur, weil ich schon letzte Woche hier saß. Nicht nur, weil ich das Quietschen vermisst habe nach all den Stunden von blutiger Stille.
„Und der Dienstag war ein Sonntag,
weil der Griff des Vorhangs
mich heute nicht daran erinnerte.
Doch die Linien, mit denen ich kämpfte
Formten sich zu einem S.
S wie Sonntag.
S wie Dienstag.
S wie gegen eine sich formende Wand zu schlagen.“
Wenn man etwas liest, zumal es etwas Selbstgeschriebenes ist, sollte man stets um sich blicken. Leicht kann das, was aus dir sprudelt gegen dich verwendet werden. Das ist so im Land, wo Stahl auf Stahl quietscht und die Menschen mit einem halben Ohr die monotone Stimme des Schaffners wahrnehmen. Nicht, dass ich ein Monopol auf meine Gedanken beanspruchen würde. Nein, ich würde sie gerne auf meinen nackten Leib schreiben, sie im Park präsentieren- alle Berge von Zwecken von Zwecken hinunterstoßen und mein Stück Gedankenfetzen als Vorspeise, Hauptgang und Nachtisch in einem servieren. Außerdem sind meine Gedanken sowieso nur ein paar weitere kleine Knotenpunkte in einer langen Kette. In diese Kette wurde ich hineingeboren und in dieser Kette werde ich sterben. Kette an Kette an Kette. Und nach mir wird die Kette weitergehen, das was ich letzendlich war ist bestenfalls die Verlegung des ein oder anderen Knotenpunktes. Und das war dann mein Leben.
Nein, das ist nicht der Grund, aber ein unter diesen Bedingungen geprägter Mensch da draußen will die Grenzen seines Ichs nicht unnötigerweise mit einem wie mich verschmelzen lassen- auch nicht über ein Medium wie dieses kleinen Zettels, das ich nun zwischen meinen Fingern spielend mal konkav, mal konvex forme.

„S wie Sonntag“
Ja diese S-Linie. Sie geht in eine klare Richtung- nicht meine Richtung- und zieht mich doch mit hinein. Eigentlich ist es auch kein S, denn das wäre greifbar. Es ist vielmehr unbeständig, einfach schlüpfrig und doch so schwer. Variabel und doch standhaft. Eine Welle! Gegen sie zu schlagen heißt sie zu verdoppeln. Eigentlich ist es nicht nur eine Welle, es sind mindestens 2 Wellen-Bündel. Eines außen und eines in mir. Biege ich meine dünnen Finger zu einer Faust und gehe auf eine äußere los, nutzt die innere die Gunst der Sekunde und drischt auf mich ein. Raffe ich mich wieder auf, aufgerissene Unterarme vom unkontrollierten Fall, und stürme wutentbrannt auf das innere Bündel los werfen sich die äußeren Wellen auf mich und peitschen mir unbarmherzig ins Gesicht.
Die inneren Wellen nennt man Identität, die äußeren Gesetze.
„S wie Dienstag“
Und es ist Dienstag, wobei dies eigentlich egal sein müsste. Irgendjemand hat bestimmt, dass es Dienstag sei. Es kann im groben nur 2 Arten von Ordnung geben- jene, die das Gefühl zwangsweise nach sich zieht und jene, die das Gefühl zwangsweise im Zaum halten. Genau wie es Gedanken einschränkende Schriftstücke gibt und gedanken- ach, was, lebensfördernde Wortgebilde.
Auf jeden Fall hat dieser mediokre Geselle damals die Welt nach seinen Belieben einteilen müssen, hat sich dazu eine abstruse Geschichte einfallen lassen und nun ist dieser Tag wie jeder andere ein Dienstag. Viele nennen ihm im übrigen „Gott“ , ich nenne ihn den ersten Bürokraten. Ich weiß, dass der „Dienstag“ quasi nur ein Konstrukt ist- nach dem sich leider alle Menschen, alle Strukturen- kurzum „alles“ richtet, alle richten. Wie lebensverneinend.
„S wie gegen eine sich formende Wand zu schlagen“

Wenn ich von „Leben“ spreche meine ich im übrigen nicht das Leben. Ich meine ein anderes Leben, mein Leben. Das Leben ist ein maschinelles Pumpen durch den Körper, das notfalls auch durch einen kleinen Ersatzmotor angetrieben werden kann. Weil dieser für einen die Schritte erledigt, nennt man ihn Schrittmacher. Im Leben, wie sie es meinen nimmt quasi dieses kleine Gerät das Leben auf sich, erfüllt den Zweck, der wiederum den anderen Zwecken dient. Ohne diesen Zweck sagt der heutige Mensch, er wäre nicht mehr am Leben.
Mein Leben bedeutet der Tanz auf den Schienen anstatt dieses Todes in Raten, anstatt dieser Sicherheit, Aufgabe der Lebendigkeit Schritt für Schritt zugunsten des starren Körpers. Leider kommt in ihrer Welt häufig der Transport-Koloss, der mich immer wieder von den Schienen wegreißt und die Masse an ihr gemeinsames Ziel erinnert. Mein Leben ist der Versuch der Hingabe an etwas, das sich schon weggeworfen hat- und mich mit-wegwirft. Mein Leben ist das Gefühl eines Gefühlslosen, der Schrei eines Lachens, das Saugen an der offenen Wunde, an der schon seit Jahren kein Blut mehr fließt. Das Saugen an der Kruste. Man sieht, leider ist „mein Leben“ nicht von ihrem Leben zu trennen- und ich sinke zusammen.
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Die reifen Quietschen, die Sirene tönt und durchdringt die Ohren, sodass eine unangenehme Mischung zwischen Piep- und Rauschton in den Ohren hängen bleibt, sich dort noch ein wenig genüsslich wälzt, bis es aus der Höhle wieder hinaushastet- wie ein verfolgtes Tier. Die Massen, aufgeweckt vom wahnsinnigen Ton, geraten in wahnsinnige Ekstase- die Welle hat sie erwischt- innen und außen. Das Auge ist ein Aufnahmegerät von Reizen. Treten die optischen und akustischen Wellen in geballter Form auf, so beherrschen jene Reize die Wahrnehmung- schwächere Reize werden nicht wahrgenommen. Ein Junge sitzt hinter dem stehenden Getümmel- Zuschauer, die nicht zuschauen sind auch Zuschauer. Freunde haben ihn mitgenommen, auch wenn er sie nicht mehr erkennen kann. Seine Blicke zerren an ihren Armen, rütteln an ihrem Kopf, schlagen immer wieder auf ihre maskenhaften Gesichter ein.
Impulsgeber, die schwächere Wellen aussenden, werden vom Gehirn meist binnen Millisekunden wieder ausgelöscht.
Genauso gebannt, wie alle auf den Kreislauf starren, schielt er nun zu den Zuschauern. Eine Aneinanderkettung, durch sie ist er mit in den Kreis gebunden.

Er fühlt das auf und ab der Spannungen, wie ein Kind das in die Luft geworfen ist und beim Auffangen immer wieder lacht und seine Gesichtsmuskeln sich entspannen.
Er berührt- nichts eigentlich. Er sieht die Spannung, er fühlt die Spannung, er hört die Spannung. Berührung? Wo ist der Boden?
„Schaut mich an! Schaut! Schaut, was auf meinem Körper zu lesen ist! Die Linien! Das S! Merkt ihr denn gar nichts?“
Ein Stück Boden huscht flüchtig unter seinen Füßen entlang.
„Ich bin ein menschliches Wesen! Berührt mich doch, dann fühlt ihr den Boden!“
Der Boden verschwand wieder gänzlich.
„Ich will euch nichts schlechtes, ich will Anteil haben- aber nicht ohne etwas zu spüren!“

Die Berührung kehrte sich um. Erst als seine geballte Faust wieder abgeprallt war merkte er, dass er seinen Freund geschlagen hatte. Sein Gesicht war deformiert, und formte sich immer weiter um, zerschwamm- ein zermalmender Schmerz, er weiß nicht woher- immer wieder ein stoßender Schmerz und dazwischen nichts. Endlose Leere, durchdringende Walze. Leere, Walze. Auf und ab. Konvex und konkav. Leben und Lebendigkeit. Und immer dieser Dienstag.
Ein Griff holte mich zurück aus dem Ring- aber ich kam mir nicht sicherer vor als geradeeben. Dunkelblaue Jacke, zusammengesunkene Haut, starre Gesichtsmuskeln. „Ist bei ihnen alles ok, soll ich einen Krankenwagen rufen?“ Ich wusste, ich störe den Ablauf der Zweck-Ketten. Ich bin der Zuschauer, der nicht zuschaut. Ich bin ein alter Teddybär im Großraumbüro. Ich bin der Schnuller vom Neugeborenen, der aus der Hemdtasche aufs Fließband fällt. Eigentlich wollte der Mann mir klar machen, dass ich weder gerade Rennen fahre, noch dem Rennen zuschaue. Und wie arrogant ich sei zu sagen, ich wüsste schon um was es im Rennen geht. Warum sitze ich hier, wenn ich nicht teilhabe. Warum gehe ich nicht…. Woanders hin. Im Cafe wird das Rennen auch übertragen, aber da störe ich nicht so sehr. Oder in der Bücherei. Oder auf der Toilette.
„Danke, mir geht es gut“- mehr wollte er nicht hören.

8 Uhr 20, warum stehe ich so früh auf? Warum stehe ich dienstags auf? Warum entgleite ich im Schlaf nicht diesem Bürokraten, den sie einst Gott nannten?
Masochismus und Sadismus sind voneinander untrennbare Faktoren eines wenig selbstbewussten Charakters.
„ Mein Leben bedeutet der Tanz auf den Schienen anstatt dieses Todes in Raten.“ . Mal ist der unsichere Mensch arrogant, mal ist er wehleidig. Mal suhlt er sich in Selbstmitleid, von suizidalen Tendenzen gezogen, mal hält er sich für den Retter und Mittelpunkt der Erde. Das einzige, dass dieser Charakter nicht kann, ist auf einer Ebene mit anderen Menschen, mit dem ganzen Universum zu agieren. Entweder darunter oder darüber, auf und ab, konvex und konkav.
Und ich schaue auf das kleine, nun ein wenig verschmierte, Blättchen Papier, das nun schon langsam sein starres Profil in ein labbriges, unsicheres Knöllchen umwandelt:
„Zwischen der hechelnden Überschätzung,
die vorm Ertrinken zu fliehen sucht
und dem suhlenden Selbstmitleid des Ertrinkenden
steckt irgendwo
das schwimmende Leben.

Der Moment, das Brechen,
das einen droht zu zerbrechen.
Wirklich zerbrechen
tut aber nur der hechelnd Suhlende,
denn er zerbricht nicht,
an was er festzuhalten glaubt.

Und das ist das, was wir Problem nennen.“
Irgendetwas kämpft gegen äußere und innere Bündel Wellen und vermag diese auch gar nicht so deutlich voneinander zu trennen.Und das ist mein Leben- meine Leben an diesem Dienstag- mein Leben bis zu diesem Dienstag.
Dienstag wie konvex. Sonntag wie konkav. Konvex und konkav, Leben und Sterben.
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„Ein Mensch hat mehrere Gesichter, du darfst nicht an eine Identität glauben!“
Tief stechende Kritik greift wie eine Massage- freundschaftliche Hände greifen tief, es schmerzt doch danach fühlt man sich befreiter.
Ich bin eine Spinne in einem Netz, mit dem Netz vernetzt, Teil des Netzes- meine Identität.
Und die Stimme zerstört diese Identität, zerstört mein sicheres Netz- und irgendetwas in mir ist des Spinnens von neuen müde…Ich selbst werde eigentlich gar nicht angegriffen, lediglich mein Gebäude. Mein Besitz, von dem ich besessen bin. Mein Halt, der mich festhält, kettet.
„Du weißt es.“- Schall der durchdringt.
-„Was?“ ( Angst vor der Massage.)
„Naja, es geht nicht ewig.“- (Kniff!)
-„Was geht nicht ewig? Unsere Fahrt?“- (Verhärtung der Muskelstränge.)
„Alles.“ – (Nachdruck.)
-„Ach, hör doch damit auf! Alles ist nichts. Andauernd denke ich daran…“ – (Nicht umsonst wurde zur Massage angesetzt…)
„Ja, indem du daran denkst, weichst du aus!“ – (Enstpann dich.).
-„Die anderen weichen aus! Ich stelle mich den Tatsachen.“-(Entspann dich!)
„Nein, du weichst auch aus- auf andere Art und Weise eben. Und du weißt das.“-( Druck, Schmerz..)
-„Ich weiß nur, dass ich es mir nicht so leicht mache, wie all die andern da draußen.“-( Bleib auf dem Punkt…)
„Woher weißt du das?“- (Kampf zwischen Hand und Muskel..)
-„Menschenkenntnis“-( Niederschlaffen..).
„Welchen Menschen kennst du denn wirklich?“-( Durchdringen.)
-„Hm… dich.“- (Erschlaffen).
„Achja?“-Gesiegt, besiegt. Beide beides.)
Sein Blick fiel wie ein reifer Apfel im Herbstwind von meinem Gesicht, wohl ein Gesicht wie eine Mauer, hinter der sich ein Kind versteckt- vor dem Wind. Von meiner Wand fiel er zu meinen Händen, die nicht gegen diese Wand trommelten, sondern sich an einem Buch festhielten. „Der Steppenw..“ Den Rest verdeckte mein Finger- ich merkte dies und bog ihn umständlich zur Seite. Der Steppenwolf von Hesse. Jeder liest das. Auf amazon ist der Gebrauchtpreis bestimmt schon auf 3 Euro gesunken und die ganzen, vielen Leser haben ihn durchgekaut und wieder ausgespuckt- und nun wieder ins Internet gestellt damit es ein anderer wiederkauen kann.
„Es geht dir nicht um meine Welt, nicht wahr?“ Mein vorwurfsvoller Blick musste dieses Glas zersprengen, durch das er schaute. Doch es war nicht sein Glas, das mich eigentlich störte- aber ich dachte, vielleicht stößt er meinen Stoß zurück und zerbricht meines. Die Welle. Konvex und Konkav.
-„Idealist! Materialist!“ Schallte er zurück.
„Du bist verrückt geworden.“, war das einzige, was ich zäh noch herausspucken konnte. Heraus in dieses gläserne Gesicht- oder sah ich es nur glasig durch meine verschwommenen, tränen-gefüllten Augen? Hinaus, um es noch irgendwie zu erreichen. Liebend oder hassend wollte ich es sehen, aber nicht so gleichgültig.
„Ach, immer das gleiche. Es gibt entweder die Revolutionäre, die ihre Ideale vergessen und nach der Revolution wieder das errichten, gegen das ihr Ideal einst gerichtet war und dessen es entsprang. Oder es gibt die Idealisten, die die Zustände vergessen, die sie auf diese oder jene Bahn führte, bis ihren Ideen der Saft ausgeht. Es geht nicht um entweder/oder. Es geht nicht um Leben oder Tod, nicht um Sein oder Haben, nicht um Denken oder Fühlen. Es geht um etwas, weit jener fassbaren Kathegorien, weit weg von all den Gedankenmodellen, deren Zustände in ihnen weiterleben und weit fern einer „konstruierten Mitte des gesunden Maßes zwischen den beiden konstruierten Polen“. Toleranz, Harmonie,… alles schon verlogene Wort an sich, die nur dem Zweck dienen diese Leblosigkeit und Ignoranz zu rechtfertigen.Alles wird idealisiert, die Ideen zucken nämlich noch ein wenig…Wie ein scheues Tier verkrichen sich die Menschen in ihre Gedankenwelt und übersehen dabei die Realitä, die Explosion und Implosion des Momentes in einem Atemzug. Schlafen immer, wachen nie auf und dröhnen sich mit immer mehr Impulsen zu, damit sie überhaupt noch etwas wahrnehmen. Entwicklung heißt loslassen und halten gleichzeitig. Schweigen und reden, Leben und Tod. Wie eine Faust ins Gesicht- so unfassbar und doch so nah, so intensiv, so packend, so voll Schmerz und Gefühl. Unser Problem heute liegt primär nicht daran, dass wir geschlagen werden, sondern dass wir Angst davor haben, geschlagen zu werden. Der Augenblick des Schlages ist ganz und gar anders- die Furcht davor macht uns zu Sklaven. Wir sind keine Gesellschaft der Strafen, sondern eine der Disziplin. Wir suchen die Sicherheit und zahlen damit Stück für Stück einen Tod in Raten. Und während wir langsam im stickigen Zimmer verwesen, müssen wir immer mehr Lebensversicherungen ausfüllen um den letzten verwesenden Rest zu retten- am besten bis in alle Ewigkeiten noch eine Statue der Verwesung zu errichten. Dabei könnten wir noch heute die blutigen Fetzen von uns streifen, um noch ein paar Atemzüge zu holen und an dem Volumen der Luft unsere Lungen zum Platzen zu bringen und während in dieser Sekunde glücklicher als in unserem ganzen verwalteten Leben zuvor, das wir für „selbstverwaltet“ hielten, weil unser Selbst schon fremd war. Nein, weil wir überhaupt annahmen, es gäbe ein „Ich“, eine Identität. Wenn sich unsere unterdrückte Entfaltung wehrte und schreiend gegen die Wälle des Ichs peitschte, sperrten wir es alternativ in zwei Neben-Zellen: Das Über-Ich und das Es und dort waren sie besser zu kontrollieren. Und aus dieser Kontrolle entspringt der Wunsch nach dem, was sie „Sicherheit“ nennen, der Wunsch nach statischem, toten. Das ist Nekrophilie. Ich habe mich gerettet, weil ich schizophren bin und solange dies nicht in Autismus umschlägt, ist dies meine einzige Antriebsquelle. Sie Kategorisieren. Sie sagen „jeder“ dabei ist „jeder“ eine Vielheit. „Jeder“ ist der alte Mann mit der Kriegsverletzung, die junge Prostituierte, der gepflegte Schreibisch-Anbeter. Jeder ist nicht jeder sondern „der, der, die, die, etwas, das!“ Jeder ist nichts, Alles ist nichts, Nichts ist alles. Und Dienstag ist Sonntag. Eigentlicht.
Das Problem ist: Verstand lässt sich instrumentalisieren und verzehren. Gefühl lässt sich instrumentalisieren und verzehren. Alles manipulativ- alles, was noch in jene Kategorien zu stecken ist. Wenn dir deine Tätigkeit Spaß macht, nennen sie dich faul. Tätigkeit ist dadurch definiert, zu entbehren und zu verdrängen. Es ist fälschlicherweise nicht der Inhalt, der für sie zählt, sondern die reine Form. Und genau gesehen interessiert sie dies auch nicht so ganz, solange man es in eines der 2 Löcher stopfen kann. Das einzige, das hilft ist alles, was man fassen kann zu zerstören. Sie glauben, zerstören wäre der Tod, doch das ist nur weil sie das Leben in Leben und Tod trennen. Zerstörung ist der Durchbruch .

„Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust.“
Zerstörung ist das einreißen von Mauern. Die Zerstörung des Todes, die Zerstörung der Lebendigkeit, ist das, was sie tagtäglich betreiben. Wahre Zerstörung ist kein Zeichen von Tod, nein ein Zeichen der Auflösung von Tod und Leben durch zusammebringen der beiden, die alle sorgfältig und mit viel Mühe voneinander trennen, um in dieser Scheiße leben zu können. Ich muss gehen“

Und Peter tanzte aus der überfüllten S-Bahn. Sein Platz wurde gleich neu besetzt mit einer alten Frau, die eine Mauer um sich trug- aus einem Duft, der wie eine Lanze jeden abstieß.
Ich sagte nicht „Danke“. „Danke“ ist ein Tauschwort. Jemand der ehrlich ist und sich nicht zu etwas überwinden muss braucht kein „Danke.“.
Peter war anders. Peter war wie die anderen. Er lebte eigentlich das gleiche, aber nicht wie sie. Er lebte den Widerspruch und idealisierte ihn nicht. Er sah ihn nicht nur scharf und nüchtern, sondern er lebte ihn. Ab und an tat er einen Ausbruchs-Versuch, ab und an verletzte er sich und musste auf die Intensiv-Station. Intensiv-Station, Gefängnis, Psychiater, Familie, Fernseher. Alles erfüllt den gleichen Zweck. Eines Tages wird man keio Gefängnis mehr brauchen, weil die Gesellschaft selbst in ihrer Mitte schon diesen Zweck erfüllt…
Peter war wie jener, der schon längst aufgebrochen war und mit Jacke und Schirm schon auf dem Weg nach draußen war, sich in der Tür aber nicht entscheiden konnte. Mal wagte er einen Schritt raus, aber vor Angst fiel er dann doch um und ließ sich gewissermaßen auch dankbar wieder im Haus betreuen, bevor er wieder auszubrechen versuchte.
Ich weiß nicht mehr genau, woher ich Peter eigentlich kenne- ich glaube wir trafen uns einst im Türrahmen…
Man kann es verstehen- aber genau daran liegt es. Der Verstand, der nur erklärbar ist als Gegensatz der Gefühle. Das annehmen dieser Situation ohne Gefühl und Verstand, also jenseits dessen, ist viel komplexer. Es ist nicht in eine Dimension zu pressen, auch wenn es dort auftritt. Es ist pure Spannung und Intensivität- nicht jene Spannung, die die Physiker messen und die irgendwie zu lenken und gleichzuhalten ist. Es ist ein Gummi, das an einem Nagel hängt, der in eine gefrorene Butter geschlagen ist. Etwas zerrt wild am Gummi, in alle Richtungen, die Butter schmilzt langsam und der Nagel bewegt sich. Der Bürgerliche versucht die Butter weiter zu kühlen, den Zug des Gummis zu halten oder wenn nötig wenigstens zu lenken. Logisch. Alles logisch. Die Kunst ist, nicht logisch zu sein. Nicht blos das Gleichgewicht von Logik und nicht-Logik herzustellen, sondern beides zu zerstören, weil schon in der Trennung der Keim der Sklaverei liegt. Die Sklaverei heißt nicht nur „Herr und Sklave“, sondern „Ich tue, weil…“, „Ich berühre den Stein“ und „Das Haus von Jonas Eltern“.
Ja, ich war in der S-Bahn- ich hörte die Motorengeräusche und die betretenen Gesichter, aber auch die hysterisch jubelnden. Kurze Zeit war ich im Gespräch und wir hatten einen eigenen kleinen Raum geschaffen in der Arena, in dem andere Zustände existierten, andere Dinge wichtig waren. Jetzt war ich dem ganzen Spiel wieder ausgesetzt, doch ich hielt die Spannung aus. Es riss von mehreren Seiten an mir, nicht nur von zwei oder drei. Doch diesmal hielt ich etwas dagegen, was ich nicht fassen konnte und auch nicht fassen wollte. Es war weder konvex, noch konkav. Weder Dienstag noch Sonntag.

Es war der erste Schritt auf einer Treppe, die ich erst noch bauen und dann wieder einreißen musste.

Und doch war es Dienstag und ich war in der S-Bahn. Auf dem Wege in den Alltag….

Ein Phänomen: der Fluss der zweckgefüllten Zweibeiner läuft noch schneller als die Schienen. Stets stehen sie -wacklig oder stramm- schon mehrere Minuten, bevor die S-Bahn hält an der Türe. Warten, wollen weiter- Hauptsache nicht stehenbleiben…

Gequetscht drängen sie sich aus der Türe, wie hinausschäumendes Wasser aus einer geschüttelten Sprudelflasche. Es musste Druck in der Bahn sein, irgendwo.

Die Lunge füllte sich nur beschwerlich und zäh mit Luft, es war wie ein Vakuum- ich musste mühsam die Lungenflügel aufpressen. Es war mehr ein Ersticken als ein Atmen, auch wenn der befreiende letzte Atemzug nicht einsetzte…

Wenn es sticht oder schmerzt ist der Schrei nach Veränderung am größten. Entweder man geht ihm nach oder man ergibt sich. Oder man übergibt das Leid weiter, schreit es hinaus. Oder man übergibt sich…. Der Sog der Arbeitswelt, der Sog des Alltags, ein zährendes Schuld- und Verantwortungsempfinden sorgen meist für Unterdrückung jeder Regungen- Abstumpfung. Menschen werden systematisch zu leid-unfähigen Wesen und wer kein Gefühl mehr für sich selbst hat, bringt auch keines für andere auf, zwangsweise. Und irgendwann wird einem das direkt und schmerzlich vor Augen geführt: Die eigene Brutalität, die eigene Position in der Killermaschine namens Alltag sieht man nicht mehr und erschrickt plötzlich, wenn einer durchdreht und nicht nur sich, sondern andere mitzerstört….

Die Lust zur Veränderung ist die Lust aus der Kette hinauszuspringen. Zweck an Zweck an Zweck. Die Lust, weder lebendig noch tot zu sein. Die Lust irgendwie herauszubrechen. Hinaus in die Welt zu trampen, nächtelang Bilder mit schwarzer Kohle zu zeichnen,…

Einige treiben ihren Zweck in sinnlose Extase weiter und befriedigen sich damit- sie konsumieren plötzlich massig, berauschen sich mit Alkohol, stürzen sich bis zur Erschöpfung in Arbeit, erschöpfen ihren Körper, indem sie ihn an seine Grenzen bringen…
Das nennen sie dann „unvernünftig“, weil es nicht mehr dem konstruierten Mittelwert von zwei Extremen entspricht, sondern sich mehr in die eine oder andere Richtung neigt.
Und das reicht ihnen, das dämpft ihren Drang nach Veränderung….

Achja, ab und an sprechen sie noch von Liebe. Liebe heißt, dass die Zwecke von zwei Menschen sich einigermaßen ergänzen. Teamwork. Jeder lebt für sich, aber eine Hand wäscht die andere.
Ehe ist der abgesichterte Vertrag: Ein Team auf ewig, Sicherheit im Geben und Nehmen.

Jeder Mensch lebt in seinem Panzer. Um den anderen Menschen auszuweichen wurden verschiedenste Techniken entwickelt: Entweder das Lachen, die Albernheit oder die Strenge. Alles Werkzeuge, um nicht auf die Welt des anderen einzugehen und so zu tun, als lebten wir alle in derselben Welt.
Es werden Kategorien erstellt, die mit bestimmten Asoziationen verkettet sind. Kette an Kette an Kette… Es werden Identitäten geschaffen, um eine Wand zwischen einem und der Person zu schaffen. Alles wird getan, nur um nicht mit dem anderen konfrontiert zu werden. Eine Prügelei wäre etwas, um die Mauern zu zerschlagen- Auge um Auge.

Nächste Haltestelle: Die verklemmten Gesichter. Alle sind im Grunde kurz vorm durchdrehen, nur ich bin etwas schneller. Sieh sie dir an! Wie Zombies starren sie in die Leere, in ihre eigene Leere. Schauen aneinander vorbei, setzen sich stets dorthin, wo noch niemand anderes sitzt.

Der moderne Mensch ist selbstsüchtig. Das soll kein wertendes Urteil sein, sondern einfach eine Feststellung. Wir haben verlernt, Dinge urteilslos anzunehmen, wir müssen sie schnell ablegen. Entweder es ist gut oder schlecht, verwerflich oder förderlich. Das ist auch so ein Abwehrmechanismus…. Der Mensch heute ist süchtig nach seinem Selbst. Sein Selbst, das sind seine Grenzen und er klammert sich süchtig an sie. Er will, er kann nicht auf den anderen eingehen. Deshalb trifft er den anderen nicht, bewirft ihn allerhöchstens, wenn er ihm das wert ist, mit groben Anschuldigungen, die an der Haut schon abprallen und allerhöchstens ein Stechen in der Haut bewirken.

Er will dem Menschen nicht helfen, er will, dass alles wieder „im reinen“ ist. „Im reinen“ heißt wie vorher, dass er sich wieder in sein Selbst zurückziehen kann und nicht auf irgendeine Art dort angegriffen wird. Eine Prügelei wäre durchaus etwas, was die Menschen gewaltsam irgendwie herauszerren würde….

Peter war ein Teil von mir, ich war Peter, Peter war teilweise ich…. Was macht das für einen Unterschied. Er tauchte immer in extremen Spannungen auf, er verschwand wieder…

8 Uhr 34. Ich kann Zahlen nicht mehr sehen. Zahlen fressen alles, Zahlen vereinheitlichen alles. Ob 8 Stunden, 8 Wellen oder 8 Kinder, es ist und bleibt immer 8. Man kann es addieren, dividieren, multipilizieren… Es ist die nackte Hülle. Es ist nach 8, warum nicht nach 37… oder nach „Frieden“, nach „Würde“, nach „Explosion“? Nach „Verblutung“? Ich drehe mich im Kreis, meine Gedanken drehen sich im Kreis, meine Gefühle drehen sich im Kreis… Wie ein Karussell, was fliegt heraus? Richtet sich die Zeit nach mir, wenn ich mich schneller drehe als die Erde? Richtet sie sich einmal nach mir?

Intensität ist das Leben. Die blose Existenz hat keinen Sinn. Statik frisst das Leben, es ist ein ständiger Kampf, eine ständige Spannung. Entweder man zieht aus dieser einen Antrieb oder man geht unter, stirbt…

Ich schielte durch den Gang zwischen den symmetrisch angeordneten Sitzen- Statik frisst das Leben…
Manchmal versuchte ich mir die Gesichter fröhlich vorzustellen- das erforderte schon einiges an Phantasie. Manchmal versuchte ich mir vorzustellen, wen ich am ehesten für eine Prügelei gewinnen könnte. Bei manchen ist es wirklich schwer, es sind jene fest gesattelten. Jene, die so lieb schauen. Jene, die etwas in diesem Leben gefunden haben, an das sie sich festklammern können ohne sofort an der Umklammerung zu ersticken…