Warum fragt die Masse gerade und nur jetzt „Warum?“ und was verbirgt sich hinter diesem Ausruf?

1. Ich denke ein solches Ereignis trifft im Gegensatz zu anderen den Kontext, der den Menschen hier naheliegt, mit dem sie sich zumindest teilweise identifizieren.
Kriegs-Geschehnisse in Afghanistan und Co liegen schon sorgsam verstaut in einer abgeschlossenen Gehirn-Schublade (ab und an locken Bilder noch ein Seufzen hervor, aber das „Was kann ich tun?“ weicht schnell einem „es wird schon mit rechten Dingen zu gehen“)
Viele Menschen identifizieren sich und ihren Tätigkeitsbereich in der Kathegorie „Nation“ (globaler „Wirtschaftsform/Wirtschaftsgemeinschaft/Firma,…“).
Ein solches Ereignis in Deutschland also erregt das subjektive Interesse.
Hinzu kommt die Schule: Oettingers „Ort der Nächstenliebe“. DIe Schule, deren objektive Aufgabe die Produktion von markttauglichen Arbeitern/Studenten/Unternehmern/… verbunden mit einer demenstsprechenden Aussortierung ist, die Schule- das Sozialsationsinstrument, an dem der Willen des EInzelnen scheitert und als Fluchtmechanismus eine Identifikation und Ausblendung der Kritk bleibt.
Das heißt dadurch, dass hier kein Carlo Guilani von der italienischen Staatsmacht erschossen wird etc., sondern die deutsche Schule Ort einer solchen Tat ist fühlt der „Deutsche“ sich betroffen.
Folge: Er selbst fühlt sich angegriffen- das hat erst einmal wenig mit wirklichem Mitgefühl zu tun und begründet die teilweise sehr aggressiven Forderungen zahlreicher Forenbeiträge, die ich in den letzten Tagen las und von vielen hörte. „Todesstrafe“ z.B. für die „Eltern“, an die nun die ganze Schuld abgewälzt wird.

Genauso begründet dies die eigene als „politich“ verkaufte Message, die nun alle wieder zu Wiederherstellung ihres Weltbildes kundtun: „Mehr Nächstenliebe an alle“ wird gefordert (es scheint, das Wort ersetze die Tat), man habe ja schon immer gegen diese „antiautoritäre Erziehung“ gewettert, die natürlich das Kernstück der Tat ist ( „mein gott, wohin soll das alles noch führen??dies ist das resultat der antiautoritären erziehung.sowas gab es früher doch nicht.armes deutschland“– zu lesen in einem leserkommentar zu http://www.derwesten.de/nachrichten/2009…395/detail.html)

Man mag erkennen- Erklärungsbedarf hat jeder, auch ich muss mir die Sache irgendwie erklären, um mit so etwas umgehen zu können- allerdings stelle ich hier keinesfalls den Anspruch die Patentlösung zu haben, sondern präsentiere nur einige Gedanken anhand von diversen Texten, mit denen man quasi „überschwemmt“ wird nach einem solchen Ereignis. Bestehen Zweifel an einer der von mir zitierten Reaktionen, kann ich gerne Nachweis bringen.

Eine besonders verkürzte Version sind die Beschneidungen von Freiheiten und dem Ruf nach „staatlicher SIcherheit“. Der Kontext, mit dem sich die Menschen identifiziert haben, soll alles andere möglichst aus dem Leben wischen- die Menschen (damit meine ich den Großteil derer hier in Deutschland, von denen ich etwas mitbekomme) haben den Staat verinnerlicht, das heißt ihnen fehlt jegliche kritische Distanz. Am Menschen bestehen Zweifel bis zur Behauptung er sei „von Natur aus“ egoistisch/auf Konkurrenz aus/…., aber am Staat bleibt das Vertrauen hängen. Forderungen wie „staatlicher Überwachung von Schulen“, Befriedigung der Wut aus Erklärungsnot mit „Wegsperren“ oder „Todesstrafe“ von Sündenböcken zeugen davon.

Vorläufiges Fazit: „Echtes“ Mitgefühl ist selten im Spiel, denn das hieße, soweit sie die Opfer nicht kennen müsste dieses Mitgefühl bei jeder anderen Gewalttat genauso hervortreten. Sie beziehen die Tat eher auf ihre eigenen Lebensumstände/ihr eigenes Weltbild und versuchen diese wieder „geradezubiegen“. Daraus rühren verschiedene Reaktionen:
a) Zurückzuführen des ganzen auf eine sehr abstrakte Weise und mit, wenn überhaupt, sehr an den Haaren herbeigezogenen Belegen, auf eine Art „Gesellschaftskritik“, die nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat und für die man ja schon für immer stand (wenn letzteres auch nicht wörtlich gesagt wird) sinngemäß a la: „Ich stand doch schon immer für eine autoritärere Erziehung ein und gegen den amerikanischen Einfluss, versteht doch alle mal warum ich mich schon jahrelang bei der NPD engagiere!“ Hiermit nimmt man das eigene Subjekt aus den Geschehnissen, die „anderen“ sind an der Gesellschaft schuld, man selbst setzt sich ja „für das richtige“ ein.

b) Der Kontext zur Gesellschaft wird gar nicht gesehen. Die Familie ist Schuld, der Junge selbst trägt zu 100prozent Rechnung dafür,….Ergebnis: Alle, die solche Tendenzen zeigen gehören einfach bestraft.

c)Idealisierendes Kauderwelsch, das als „Gesellschaftskritik“ verkauft wird, sinngemäß a la „Die Schule an sich ist ja ok, wir müssen alle nur mehr aufeinander zugehen“ oder „Wir müssen wieder mehr Wärme zeigen (innerhalb der bestehenden Strukturen)“– quasi wird hier auch das Gefühl des einzelnen aus den gesellschaftlichen Beziehungen gerissen, ein Appell an den Einzelnen ist schön unkompliziert und die Verantwortung ist schnell abgestriffen, die „Vorsätze“ sowieso schnell vergessen- das Thema also erledigt.

/es muss nicht erwähnt werden, dass mir sowohl a) als auch b) und c) stark verkürzt erscheinen/

2.: „Der Terror dient unserer Gesellschaft als funktionales Äquivalent für den Wahnsinn, an ihm versichern wir uns der eigenen Vernunft.“

Mit diesem Zitat aus einem Wirtschaftsforum lässt sich etwas anderes zeigen: Die Gier nach so einem Thema. Es ist wie ein Horrorfilm in Real 3D: Die Leute wollen schaudern, in vielen Zeitschriften wird das Gesicht abgebildet, actionreiche Szenen werden beschrieben. Für die „gebildeteren“ gibt es einen Amoklauf-Life-Ticker auf Focus online und in jeder Zeitung Ausführungen von „Pornobildern auf dem Rechner“ bishin zu Hobbies und Sportarten.
Eine Mischung aus Krimi und Horror- und wir dürfen Zeuge sein. Man verolgt tagelang im Fernsehen, wie keine neue Nachricht ans Licht kommt aber immer wieder das Haus gezeigt wird, der Nachbar gefragt wird,…..- nichtige Dinge, die einzig und allein den Rausch des Erschauderns am Leben halten. Wirkliches „Mitgefühl“ ist hier wieder fehlanzeige. Jene, die Angehörige und Freunde verloren haben und wirklich trauern werden fotografiert, interviewed, gefilmt. Kurzum: Das Gefühl wird instrumentalisiert, marktfähig und damit konsumierbar gestaltet. Der Kapitalismus, dieses Geflecht auf einen Zweck zugeschnitten, saugt das Leben in sich auf und verpackt es in Zahlen.

Ökonomisch gesehen ist das alles ja das beste, was dem Bereich Journalismus passieren kann – makaber.

zu guter letzt Punkt 3: Die Magie des Unmittelbaren.
Diese rührt aus ihrer Eindeutigkeit, Kompromisslosigkeit, Einfachheit.
Abstrakte „Gewalt“ tritt hier (als Symptom versteckter Gewalt-Prinzipien) in ihrer unmittelbarsten Form auf: der physischen.
Was nicht registriert wird sind Selbstmorde aufgrund struktureller/kultureller Gewalt- aufgrund Kathegoriendenkens, Leistungsdruck, Werte-Prinzip,… kurzum eine riesige Struktur, die nicht auf den lebendigen Menschen sondern Machterhaltung starrer, toter Instututionen und der Akkumulation unter Mehrwert geschieht, ein irrationales Wachstum an Kapital, das sich einseitig anhäuft- zwangsweise unter den Gesetzen des Kapitalismus. Der Mensch als Objekt. Arbeit als entfremdeter Prozess. Wo bleibt Perpektive?
Diese „unsichtbare“ komplizierte Gewalt, aus der man sich anhand iherer Komplexität leichter herausreden kann, scheint kaum Interesse zu erzeugen.
Was auch nicht registriert wird sind kaputte/ausgeschlossene Menschen, Träume die kaputt gehen, Unzufriedenheit. Was nicht registriert wird, sind Menschen außerhalb des Identifikationsbereiches (Opfer von Staatsgewalt, Menschen in anderen Ländern, MIgranten in Deutschland, die man aus dem Bild verdrängt hat,….)

„Deutschlandweiter Schock“ oder gar „Mitgefühl“ sind in den Medien verwendete Bilder der Heuchelei in diesem Zusammenhang.

Respekt jeder/m, der/die es schafft überhaupt noch ehrliches Mitgefühl aufzubringen- für wen oder was auch immer.
Jeder/m, den/die es wirklich trifft, wenn Gewalt das Prinzip der Welt zu sein scheint, egal ob dies nun unmittelbar sichrbare Gewalt sei oder alltägliche, ob dies in Deutschland oder sonstwo passiert und ob die „Opfer“ mit der eigenen Ideologie übereinstimmen oder nicht.
Jeder/m, der/die unter den heutigen ökonomisch-politischen Bedingungen noch nicht so tief in ihrer/seiner „Identität/Subjektivitä“ steckt, dass er/sie noch aus dieser hinaus einen nicht den herrschenden Zwecken unterworfenen Umgang mit der Umwelt führen kann-quasi ein sich wirklich hineinfühlen. Wirkliche Trauer lässt sich wohl nur für Menschen aufbringen, die mensch persönlich kannte. In diesem Sinne behalten wir den Blick auf jegliches Opfer von Gewalt- sei es struktureller, physischer oder kultureller.