Kategorien und Identität: Das herrschende Schubladensystem

Anmerkung: Dieser Text bedient sich bewusst auch dem Wissen aus diversen Büchern, Texten und Vorträgen ohne diese anzugeben. Da es aber nicht um eine „Profilierung“ geht, sondern um ein paar Gedankenansätze, die für sich sprechen sollen, kann ich bei bestehendem Interesse auf Anfrage gerne einige Quellen nachreichen.

Der Mensch ist Produkt seiner Umgebung genauso wie die Umgebung Produkt des Menschen ist. Das heißt im Prinzip, dass wir um dagegen anzukämpfen an mehreren Stellen angreifen müssen- zum einen bei den Zuständen, zum anderen bei den einzelnen Menschen- also auch beim eigenen Bewusstsein. Außen existente Grenzen erzeugen Grenzen im Kopf und Grenzen im Kopf wandeln sich in real existierende Grenzen.

Nun gibt es in der heute herrschenden Gesellschaft bestimmte Umgangsformen, die das Leben in ihr auf diese Art und Weise erst „funktionsfähig“ gestalten.
Im speziellen muss die Identifikation mit den einzelnen Mitmenschen in der Masse blockiert werden, damit das Kapital möglichst ohne gebremst zu werden weiterfließen kann- mit anderen Worten: damit die Geschäfte reibungslos laufen und dem keine zwischenmenschlichen Konflikte in die Quere kommen.
Information und Ware müssen fließen.

Um dies zu garantieren werden Identitäten im Einzelnen und Kategorien im Gesamten konstruiert.

Identitäten sind quasi starre Personenmuster. Über was sich die Identität definieren kann zeigt eine Polizeikontrolle: Beruf, Name, Alter,… Eine Eigenschaft eines Menschen wird festgehalten und so zu seinem/ihren Gefängnis.
Das ganze wird in sozialen Gruppen reproduziert: Die Fleißige, der Streber, der PC-Kenner, der Witzbold, die Zickige, die Dicke, der Dumme, die Langsame… während der sozialen Auslese an den Schulen (und einen anderen Zweck besitzt die Schule als Instrument der heutigen Verhältnisse nicht) treten schon genau jene Phänomene auf. Menschen werden in Muster gepresst und lassen sich in diese Muster pressen- nehmen das Muster irgendwann als Identität auf. Definieren sich darüber.

Im großen tritt ähnliches bei den Kategorien auf: Der Mensch, das Tier, der Deutsche, die Japanerin, die Arbeitslosen,…
Ein grobes Muster überzieht die Welt und verzweigt sich in Assoziations-Ketten, die an jeder Kategorie hängen.

Da sich das ganze auf 2 nicht wirklich voneinander zu trennbaren Ebenen abspielt (dem Kopf und der Umwelt) müssen Kategorie und Identität auch auf beiden betrachtet werden.

Im Falle der Kategorie: Die Person, die eine andere in eine Kategorie presst unterdrückt nach innen und nach außen hin das, was mit der Kategorie verbunden ist. Die Kategorien an sich müssen gar keinen Wahrheitsgehalt besitzen- es können reine Vorurteile sein. Aber sie leben in realen Unterdrückungsformen.

Da die einzelnen Identitäten besonders von großen kategorischen Strömungen beeinflusst sind, gehen wir nun auf die relevantesten Kategorien ein:

1.Mann/Frau

(bzw. Mann/Nicht-Mann):

Der Sexismus lebt von der Vorstellung es gäbe nur „Frau“ und „Mann“. Auf beides werden je allgemeine Eigenschaften projeziert und dadurch getrennt. Der Mann (und ich spreche wie gesagt von der Vorstellung „Mann“) tritt hier als Verstandeswesen auf (und zahlreiche Hirnforscher wollen uns das auch irgendwie beweisen können), die Frau als „Nicht-Mann“. Mit der Aufklärung und dem Plädoyer „Ich denke, also bin ich“, hat also das „männliche“ eine weitere Legitimation bekommen. Damit der „Mann“ nicht verführt wird, konstruiert er sich als Gegenpart die „Emotionalität“, die „Hingabe“, die „Aufopferungsbereitschaft“. In dieses Rollenmodell wird dann „Frau“ gezwängt. Frau wehrt sich nicht, opfert sich für alles auf, hat überall Mitgefühl (selbst für das „männlichste“, das heißt rücksichtsloseste Verhalten). Das alles hat sich neuerdings höchstens ein wenig in die Richtung verschoben, dass Bücher als „neuer Feminismus“ auftreten und „die Kategorie wechseln“ und es propagieren- das heißt „typisch männliche“ Rollenbilder übernehmen. Das Konstrukt „Mann“ übernimmt in der herrschenden Ordnung eine tragende Rolle: Er weiß um die „Notwendigkeiten“ (im heutigen System), hat den „Überblick“ – richtet also sein Handeln nach den heutigen wirtschaftlichen Zwecken aus.
Beispiel: Mann: „Ja, du willst ein neues X, aber wir können es uns nicht leisten./ Du hast Mitleid mit dem Obdachlosen, aber ich weiß, dass er es verdient hat.“ Die „Vernunft“, die „Logik“, der „Verstand“ in diesem Sinne dient nur zur Legitimation des Handelns und richtet sich immer am „Realistischen“, also den heutigen Bedingungen. Eine Entwicklung darüber hinaus schließt „Mann-Sein“ von vorneherein aus.
Aus dem Mannesbild folgert sich eine Selbstbestätigung über seinen Status: Erfolg in der Konkurrenz- und wenn dies im „Spiel des Lebens“ nicht funktioniert, dann über die Identifikation in größeren Gruppen (Nation, Gang, Hooligan-Gruppe,….) gegen andere im Wettbewerben (z.B.der Fäuste).
Aus dem Frauenbild folgert sich ein Werben um die „Mannesbilder“. Das konstruierte Selbstwertgefühl definiert sich übers Gegenstück „Mann“.
Bei alledem muss uns klar sein, dass „Mann“ und „Frei“ nur soziale Konstrukte sind und somit das soziale Konstrukt auch gewechselt werden kann (z.B. ist es insofern kein Fortschritt, wenn eine Frau Bundeskanzlerin ist, da sie dennoch „Vater Staat“ symbolisiert).

2.Mensch/Tier

(im weitesten Sinne Kultur/Natur):

„Du Sau!“, „Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf!“, „Du frisst wie ein Tier!“, „Gierig/wütend/aggressiv wie ein Tier!“

Wer sich wirklich mit Schweinen beschäftigt, wird herausfinden wie extrem reinlich diese Wesen sind. Wer Tiere in freier Wildbahn beobachtet wird erkennen, dass Aggression dort nur zum Selbstschutz bzw. zur Selbsterhaltung dient und in unseren Dimensionen überhaupt nicht auftritt.

Alles in allem ist schon früh klar, dass die wenigsten die sich solcher Sprichwörter bedienen jemals näherer Erfahrungen mit der „Tierwelt“ gemacht haben, von der sie sprechen.

Hier wird besonders deutlich, wie das Tier für die Verdrängung von eigenen unterdrückten Bedürfnissen herhalten muss.
Im psychologischen lässt sich hier das „Tier“ mit dem „Es“ gleichsetzen, gegen das der „Mensch“ kämpfen muss- das „Menschliche“, das „Über-Ich“.

Beispiel: Ein Mensch hat sein Sexualleben verdrängt und wettert nun gegen alles, was Lust bei diesem Akt empfindet. Sex sollte laut ihm/ihr nur dem Zweck der Reproduktion (Kinder bekommen) dienen. Sein pervertiertes, unterdrücktes Bedürfnis nach dem Geschlechtsakt, vielleicht auch nach der Überwindung seiner Ich-Grenzen auf Kosten seiner/ihrer „gesattelten Sicherheit/ seinem Halt“, empfindet er/sie als bedrohlich, „animalisch“.
Daher rührt eine Abneigung gegen das „tierische“, das sich auch im „Tier“ entlädt. Mensch schaue dazu nur, wie viele Menschen Fleisch essen, einen fragwürdigen Umgang mit Haustieren (Besitz von Tieren) pflegen etc. Ist das Tier schwach, lässt es sich beherrschen ist zugleich auch das „Animalische“ beherrscht. Mensch hat als Mensch wieder eine Bestätigung.

Die Definition des „Menschen“, die Anthropologie und der Humanismus, arbeiten auf eine Menschenbild hin, dass immer mehr Eigenschaften und Verhaltensweisen ausschließt und Menschen nicht nur von „Tieren“, sondern parallel von „Un-Menschen“ und „Wilden“ abgrenzt.

3.Arbeit/Arbeitslos

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Gesellschaftlich wohl mehr thematisiert als das Verhältnis „Arbeiter/ Eigentümer von Produktionsmitteln“ ist seltsamerweise das Verhältnis „ArbeiterIn/Arbeitslose/r“.
Unter die Kategorie „Arbeiter“ fällt hier im allgemeinen Munde alles, was im allgemeinen unter heutigen Bedingungen als „Arbeit“ gilt. Alles, für das man Geld bekommt.
Da Lohnarbeit, Arbeit unter den heutigen Bedingungen also, zwangsweise eine Verkrüppelung körperlicher und geistiger Fähigkeiten statt einer Entfaltung bedeutet, ist sie stets mit „Entbehrungen“ verbunden. Die unterdrückte „Entfaltung der Bedürfnisse“ entlädt sich häufig in der Kategorie „Arbeitslose“. Jene, in der kapitalistischen Maschinerie aussortierte und für Zwangs-Arbeit warmgehaltene Gruppe (im Kapitalismus muss es schließlich Arbeitslosigkeit geben) – mit ihr wir dem/der „Nicht-Arbeitslosen“ gedroht.
All jene selbst unterdrückten Bedürfnisse entladen sich so im Hass gegen „Arbeitslose“, ohne die Umstände und ihre Situation zu kennen oder kennen zu wollen. Es dient als Stabilisator der Situation, da es die Entbehrungen und unterdrückten Bedürfnisse mithilfe eines „Gut/Böse“ Musters stützt. Mensch hat zwar Einstecken müssen, aber „wenigstens etwas für Deutschland getan!“.

4.Industrienation / „Dritte Welt“

Um die schreienden Abgründe zwischen Wohlstand der Industrienationen (was oft misverstanden wird als Wohlstand aller, die in Industrienationen leben) und Armut der Entwicklungsländer ideologisch zu überbrücken bedarf es dringend einer Kategorie.
Daher tritt man zur Gewissensreinigung entweder als „großzügiger Spender“ dieser „armen Wilden“ auf, empört sich künstlich über Symptome aus Kolonialzeiten und heutiger Ausbeutung (Bürgerkriege,…) und liefert gleichzeitig Waffen oder idealisiert die Situation. Da die spezifische Lage in den vielen einzelnen Ländern diese Bilder zerbröckeln würden wird das ganze Problem bequem zum „Dritte-Welt“ Problem kategorisiert.

5.Unternehmer, Politiker, USA/ Rest-Bevölkerung

(Täter/Opfer)

Ein einseitiges „Opfer/Täter“ –System ist ein weiterer Feind der Entwicklung. Ist der „Täter“ festgemacht (Manager, „die USA“, Politiker) findet man sich schnell in der „Opfer-Rolle“ zurecht. „Ich habe ja Recht, ich stehe für das Gute“, aber „die Mächtigen“ sind zu stark. Dass jeder Mensch seine tragende Rolle in den herrschenden Verhältnissen hat- welche das auch sein mag- wird damit geschickt umgangen und es werden Schuldige gesucht. (Allein durch Konsum der auf dem kapitalistischen Markt erzeugten Waren wird Herrschaft ausgeübt, was nicht heißen soll dass mensch nichts mehr konsumieren sollte, sondern nur die Situation klarmachen soll.) Die angeklagten „Mächtigen“ ihrerseits können solch eine Anklage recht leicht abschütteln: Sie stecken ja in einem System von Sachzwängen, wenn sie nicht Löhne kürzen und Arbeiter entlassen werden sie von einem anderen Unternehmen verdrängt und die Firma geht in der Konkurrenz unter. Dass es weder hilft „die Mächtigen“ noch „das System“ anzuklagen wäre Aktivität, die an Herrschaft ansetzt wo auch immer- die einzige Schlussfolgerung.

6.Deutsch/ Nicht-Deutsch

(bekannt/ fremd, Subjekt/Objekt)

Im nationalen Wettbewerben muss zugunsten der „Nation“ viel selbst zurückgesteckt werden. Unter ständigen Appellen aus der Politik tritt so eine Zusammenschweißung widersprüchlicher Interessen (Kapitalist/Arbeiter- warum dieser Widerspruch keine Kategorie darstellt später) ein. Die Identifikation mit der Kategorie „deutsch“ beinhaltet stets eine Projektion der eigenen Erfahrung auf die Kategorie „Deutschland“. Der Akt der Anpassung erforderte eine Aufgabe einiger eigener Bedürfnisse? Folglich heißt „deutsch“ „pflichtbewusst, ordentlich, nationalbewusst“- alles an sich inhaltsleere Worte (welche Ordnung? Pflicht zu was?), die lediglich eine willentliche Trägerfunktion beinhaltet für die Interessen der „Nation“. Das, was hierbei über die eigene Erfahrungswelt hinaustritt und dieser vielleicht sogar widerspricht, ist der Feind vom „Deutschen“.

7.Einzelner/ Gesellschaft

Besonders schwerwiegend ist die Kategorie „Ich“ und „die Gesellschaft“. Jene Trennung reißt das isolierte Individuum leicht aus dem gesellschaftlichen Kontext. Wieder ein zweischneidiges Unterfangen: Einerseits kann ein einseitiges Schuldbewusstsein so entstehen (Ich bekomme keine Arbeit= Ich allein bin Schuld), andererseits kann die Schuld so auch weggeschoben werden (Es ist „die Gesellschaft“).

Dass jede/r einzelne weltimmanent (vom Weltgeschehen beeinflusst) wie auch weltkonstituierend (das Weltgeschehen beeinflussend) ist wird dabei außer Acht gelassen und genau das ist wichtiger Grundstein gegen eine Entwicklung, die immer eine Dynamik zwischen „Einzelnem“ und „Gesellschaft“ sein müsste, die eine kategorische Trennung aber zum stocken bringt.

Weit verbreite Ansichten und Tendenzen (nicht in der Philosophie, aber in der Bevölkerung) entstehen aus so einem Weltbild:
-der „freie Wille“, das heißt jeder Mensch könnte unabhängig von Erfahrungen und Vergangenheit immer frei wählen, wenn er nur wolle (darauf stützt sich der gesamte freie Markt)
-der „Determinismus“, das heißt das Schicksal/Naturgesetze,… bestimmen schon alles vor und der Einzelne muss sich diesem fügen.

Auf die alleinige Verantwortlichkeit des „gesunden“ Menschen (mit gegebenenfalls einigen Einschränkungen) schließen auch z.B. die Justiz bzw. gehen von ihr aus. Wer diese Trennung nicht mehr aufrechterhalten kann, gilt weitgehend als „krank“.

Auch gibt sich aus der Trennung von Einzelnem und Gesellschaft schnell ein Schein-Widerspruch, ein „entweder/oder“.

Entweder wir haben eine Gesellschaft, in der das autonome Subjekt auf dem Markt frei „egoistisch“ sein könne, oder einen Staat, der alles unter die Kappe der „Nations“-Gesellschaft schluckt. Dass eine Befreiung des Einzelnen auch immer nur eine Befreiung der Gesellschaft sein kann und andersherum kommt dabei nicht als Gedanke auf.

Komplexe gesellschaftliche Vorgänge werden verkürzt auf die „Gier“ des Einzelnen geführt.
Andersherum und genauso entwicklungsfeindlich können sie auf „das System“ geschoben werden ohne es genau zu betrachten und zu beachten, dass es auch nur von Menschen getragen ist.

Auch der Widerspruch „Altruismus/ Egoismus“ löst sich mit der Aufhebung der Kategorisierung von „Einzelnem/Gesellschaft“ auf, denn es kommt nicht auf das Zurückstecken oder Ausleben von Bedürfnissen an, sondern auf die Umgestaltung der Gesellschaft (die der Einzelne im Grade seiner Vernetzung mit anderen herbeiführen kann), sodass die Bedürfnisse generell Platz haben anstatt den Interessen des Kapitals. Ein falscher Altruismus zugunsten der herrschenden Kapitalsinteressen legt nur Erwartungen an andere Menschen hoch, die so nicht erfüllt werden können.

Mit der gewichtigste Punkt ist der Umgang mit Problemen und Kritik. Da sich der Einzelne für sein Leben voll verantwortlich fühlt und Probleme nicht als zugleich gesellschaftliche Probleme sieht, wird nach außen oft eine „heile Fassade“ ausgestellt und es wird versucht an die Probleme individuell heranzugehen (was von vorneherein scheitern muss, weil sie nie individuell entstehen). Da die anderen Menschen das auch so sehen, besteht zudem die Gefahr, dass die „Schwäche“ in Konkurrenz um Selbstwertgefühl ausgenutzt wird.

Genauso die Kritikfähigkeit: Es wird oft um den heißen Brei getanzt und die direkte, klare Kritik gescheut, die für eine Entwicklung so wichtig wäre. Welche Beziehung die Menschen auch immer untereinander haben, der Einzelne hält sich im groben allein für sein Leben verantwortlich. Das heißt, alles was er sagt und denkt wäre ein reiner Ausdruck seiner selbst.
Wird dies nun kritisiert, sieht er daher seine Person selbst angegriffen („Ich denke, also bin ich“ Ich bin, was ich denke). Dass die eigene Person mehr ist als ein starres Muster (eine Identität) aus Ideologie und Handlung, scheint fern und daher drehen sich viele Diskussionen nicht um den eigentlichen Inhalt, sondern um ein „Recht haben“- Aufwertung der eigenen Identität.

Das zur Leidens- und Mitleidensunfähigkeit (und zu Depression und stagnativem Leids tendierendem) trainierte autonome Subjekt hat den Schutzwall der Identität, die es auf dem Konkurrenzfeld um Partner, Arbeit, Selbstwertgefühl gebaut hat, stark verfestigt. Derart, dass jegliches andere autonome Subjekt nur durch das Resultat eigener Erfahrung (ohne zu hinterfragen, woher diese kommt) gesehen werden kann.
So entstehen schnell „Menschen-Bilder“ a la „Der Mensch ist von grundaus gierig/böse/…..“.
Auch werden andere Menschen so gesehen, dass sie in das eigene, „Sicherheit“ heuchelnde, Gefüge aus Erfahrungen gefroren zur „Meinung“ , das Weltbild passen. Es wird sich das Verhalten anderer erklärt, notfalls zurechtgebogen. Gut und Böse definieren sich aus eigenem Empfinden und gelten als Wertungswerk für alles. In der Regel wird gewertet bevor man zuhört („Wie war dein Tag?“- „Melancholisch“- „Vielleicht wird’s ja morgen besser.“ Ohne zu achten, ob der Zustand nicht für die Person interessant war, wird hier gewertet und das Bild der „herrschenden Fröhlichkeit und Oberflächlichkeit“ wieder aufrechterhalten).

9.Kind/Alt /Erwachsener

Kinder und alte Mensche haben auf eine Weise eine Kraft der Befreiung: Sie sind noch nicht oder nicht mehr direkt an den Schauspielplatz des Marktes gebunden (außer, dass sie sich in einem ihnen finanziell möglichen Rahmen in Sachen Konsum orientieren müssen). Das Kind, das also noch nicht derart in diesen Rahmen geprägt ist, hat also grundsätzlich den Charakter des Herausbrechens aus diesem. Mit der Kategorie „Kind“ wird es entmündigt, es kenne noch nicht die „Realität“. Die herrschende Realität kennt es vielleicht von außen, von seiner Realität, besser als der „Erwachsene“. Genauso mit den alten: Sie stehen dem Tod direkt gegenüber und daraus ergeben sich existentialistische Fragen. Was hat noch Sinn? Was lehrte die Vergangenheit? Oft brechen im Alter auch während des Arbeitslebens unterdrückte und so pervertierte Regungen aus, die den wahren Charakter der „herrschenden Realität“ darstellen. „Alte“ und „Kinder“ werden daher sowie „Verrückte“ entmündigt unter den jeweiligen Kategorien.

10.Gesund/ Krank

Eng in Verbindung mit der Trennung „Einzelner/Gesellschaft“ steht die Trennung zwischen „krank“ und „gesund“. Im physischen gilt erst ab dem Zeitpunkt jemand wirklich als krank, wenn er/sie nicht mehr in der Lage ist, seinen/ihren gesellschaftlichen Zwecken nachzukommen. Genauso im psychischen: Die Normalität ist die Verdrängung des täglichen Wahnsinns. Das isolierte autonome Subjekt wird auf anderer Ebene auf brutalste Art und Weise vereinheitlicht und verallgemeinert. Auch dies ist natürlich eine beidseitige Beziehung- doch wer in diesem Prozedere sich dagegen stellt lebt mit einem Bein in, mit einem Bein außerhalb der „herrschenden Realität“. Wer weder in der Lohnarbeit noch in Kneipenabenden, Freizeitparks,… sich selbst finden kann lebt außerhalb und doch im Widerspruch „Arbeit/Freizeit“. Dass sich daraus widersprechende Tendenzen im Menschen selbst ergeben, ist kein Wunder. Wenn diese Menschen vollständig von der Realität isoliert werden (Psychiatrie,..) ist aus dem eigentlichen Potential der Veränderung ein in sich abgeschotteter, widersprüchlicher Mensch geworden.
Dass die konsequente Trennung von Subjekt und Objekt, die Isolation von Einzelnem und Gesellschaft in all seinem Ausdruck, die Zweckbestimmtheit der Existenz unter ihr fremde Interessen von Kapital und Nation, die Beherrschung durch den Staat mit all seinen Institutionen (Schule, gewissermaßen auch Familie, Psychiatrie, Gefängnis,…) schon eine Krankheit sein könnten- darauf wird nicht geachtet. So ähnelt diese Kategorisierung wiederum der „Opfer/Täter“ -Kategorie. Die Gesellschaft fühlt sich durch die „Irren“ in ihrer Lebenswelt, ihrer herrschenden Realität angegriffen und verbannt sie, sperrt sie weg. Die Gesellschaft als Opfer, die „Irren“ als Täter.

11.Nazi/ Nicht-Nazi

Das Problem des Nationalsozialismus auf eine (durchaus immer weiter anwachsende) „Randgruppe“ zu schieben, wird der Thematik nicht gerecht. Jene, die sich ausdrücklich durch Szene-Codes identifizieren und sich selbst als „Nazis“ bezeichnen sind, wenn auch ein großes Problem, nicht das größte. Leicht lässt sich Rassismus, Autoritäts-Wahn, Feindlichkeit gegen der starren Ideologie widersprechendes, Sexismus usw. auf ein mystifiziertes Randgruppenbild wegschieben. Es ist weit verbreitet, alle Nazis wollten das alte Hitler-Deutschland zurück. Die Parteimitglieder der NPD erkennt man daran, dass sie bei historischen Gedenktagen sich nicht zum Gedenken erheben. „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen!“
Alles Vorschübe, um sich nicht näher mit dem Inhalt der „Nazis“ zu beschäftigen. Die Kategorie „Nazi“ und das abstempeln in jene treibt zudem nicht selten gerade in „die Szene“. Anstatt faschistische Gedanken im Ansatz zu widerlegen, anstatt in Zusammenhänge ohne Bedingungen zu integrieren (integrieren beinhaltet. Nicht-Einseitigkeit) werden desintegrierte Jugendliche schon früh einfach als „Nazi“ abgestempelt. Gerade aber die Zusammendrängung, die zusammenschweißt, führt zu gefährlichen „Gangs“. Hier stärkt die Gang die Ideologie und die Ideologie die Gang. Eine Kritik der Ideologie wird schwer, da sie mit der Zugehörigkeit zur Gruppe verbunden wird sowie mit der eigenen Erfahrung- so wird sie als Angriff der eigenen Person und der Gruppe verstanden.

Rassismus, Nationalismus usw. an sich betrachtet führen zu einem weitaus größeren Rundumschlag:
„Ich bin kein Nazi, aber die türkischen Jugendlichen müssen sich ja hier nicht so aufspielen“
So etwas hört mensch oft- die Kategorie wird abgelehnt, der Inhalt bleibt gefährlich.
Auch Argumente aus der Wirtschaft „die Konkurrenz aus dem Ausland“ sei Schuld an Kürzungen etc., das Vorgehen des Staates-„Ausländer“ nur, wenn sie der nationalen Reichtumsproduktion gerade dienlich sind, ansonsten Abschiebung- sind unter diesem Aspekt zu betrachten. Jegliche Partei hat als Primärziel die Nation im Wettbewerb mit anderen Nationen wirtschaftlich voranzutreiben. Mittel sind Ausbeutung, Kriege, Abschiebung, Beschneidung von Sozialleistungen, Überwachung, Illegalisierung des Widerstands,…
Die herrschende „Demokratie“ also als große Errungenschaft hochzuhalten widerspricht den Tatsachen. Zwar ist ein Leben im Faschismus noch einmal um einiges brutaler und vernichtender, aber ein Zustand neben einen schlimmeren Zustand zu stellen spricht nicht für die automatische Richtigkeit ersterem.

12.Arbeiter/ Burgouis

(bzw. Täter/Opfer Teil 2)

Der bestehende Klassenwiderspruch zwischen Arbeitern (Menschen ohne Produktionsmittel, die gezwungen sind Zeit und Arbeitskraft zu verkaufen um zu leben) und Kapitalisten (Menschen mit Produktionsmitteln, die Arbeiter in ein vertragliches Zwangs-Verhältnis bringen) kann nicht geleugnet werden und um jenen soll es in dieser Kategorie auch nicht gehen. Die Kategorie „Arbeiter/Burgois“ geht aber darüber hinaus. Der aufzulösende Klassenwiderspruch führt leicht zu einer neuen „Täter/Opfer“ -Ebene. Warum sonst ist das Proletariat nicht automatisch stetig im Kampf, stetig im Widerstand? Im Opfer-Modus, im Beherrscht-Sein lässt es sich einrichten. Durch den Blick auf „die Mächtigen“ folgert sich die eigene „Ohnmacht“. Dass der brave Arbeiter genauso staatstragende Funktion hat und Potential zur Veränderung, selbst auch nicht selten Herrschaft ausübt (sei es in der Familie oder in ein Stück tiefer in der Hierarchieleiter), wird dabei übersehen. Die Kategorie „das Proletariat“ vereinheitlicht auch leider über den realen Klassenwiderspruch hinaus angeblich weitere „Klasseninteressen“. So kann es auch passieren, dass eine Partei meint sie könne für „das Proletariat und dessen objektive Interessen“ sprechen und regieren.

13.Revolutionär/Bürger

Noch grober ist der von Aktivisten oft konstruierte Widerspruch der Kategorien „Revolutionär/Bürger“. Menschen, die sich als „Linksradikale/Anarchisten/Kommunisten“ verstehen sprechen gerne ihresgleichen an oder führen in ähnlichen oder gleichen Kategorien Grabenkämpfe. Oft geht es dabei direkt nur um die Kategorien.
Der Rest der Menschen sind „die Bürger“, die prinzipiell ja sowieso nicht zugänglich wären für revolutionäre Aktionen und Ideen (ohne Aktion/Theorie nun kategorisch zu trennen). Daher wird es auch gar nicht erst versucht, mensch bemüht sich nicht um Verständnis und dreht sich lieber im eigenen Sud. Der Bürger hat dabei leichtes Spiel und erlebt „die Revolutionären“ nur in den verzerrten Bildern der Medien- die dann wiederum freies Spiel haben, da „der Bürger“ ja keine Vorstellung hat von „den Revolutionären“.
Unter „Bürger“ wird nebenbei alles verstanden, was sich nicht selbst als „umstürzlerisch“ bezeichnet. Ob Arbeiter, Unternehmer- hier wird nicht einmal mehr diesbezüglich unterschieden.

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14.Rechts/Mitte/Links sowie Politik/Leben

Den Kategorien „Rechts/Mitte/Links“ geht eine schwerwiegende Trennung zuvor- die Kategorien „Politik/Leben“. Politik als Art und Form des Zusammenlebens, der Organisation wird hier getrennt von der individuelllen Erfahrungswelt des „Einzelnen“ (wobei wir wieder bei der Trennung „Einzelner/Gesellschaft“ wären). Dass die Art, Form und sogar Auswahl der Arbeit, das Zusammenleben der Menschen, sogar Beziehungen vom gesellschaftlichen beeinflusst sind, wird übersehen. Die herrschende Politik wird zu einer Art gegebenem, unveränderlichen Naturzustand. Es gibt nur noch Variationen von Parteien, es geht um nichts grundlegendes.
Zum Zwischenmenschlichen: Austausch von Informationen statt Gedanken, Wettkampf der Identiäten, „Image“ statt Ehrlichkeit, Geschlechterrollen, alltäglicher Rassismus, Niedergeschlagenheit wegen scheiß Arbeitsstelle, Liebe eingezwängt im Konstrukt der „romantischen Zweierbeziehung“ statt ehrliche, offene Gefühle,….

Die Vorstellung, Beziehungen und Freundeskreis wären rein individuelle Probleme zeigen, wie selbstverständlich bestimmte Dinge schon sind- nicht mehr.

Ein weiterer Schritt ist die Unterkategorisierung der Überkategorie „Politik“ in „Rechts/Mitte/Links“.

Dieses Bild ist nicht nur deswegen fraglich, dass sich eine „Mitte“ über die Perspektive definiert. Was hat die Sovjetunion mit Anarchismus zu tun, außer dass die Ukraine und Machno sie spüren mussten? Worin weichen die Parteien, die sich so gerne als „Parteien der Mitte“ bezeichnen in ihrem Inhalt von dem ab, was man als „rechts“ bezeichnen mag? Was soll denn die Mitte sein und über was definiert sie sich inhaltlich?

Gefühlsmäßig sehnen sich viele Menschen in unsicheren Zeiten nach Beständigkeit. Hier lockt natürlich etwas, das sich „Mitte“ nennt. Einige suchen Halt im Rückwärts (womit in diesem Fall nicht unbedingt das Dritte Reich gemeint sein soll) und definieren sich „konservativ“ oder „rechts“. Minderheitenhass und Nationalbewusstsein bündelt sich zur sogenannten „extremen Rechten“.
Im „linken“ Spektrum (das, was die breite Masse als „links“ sieht) tummeln sich Parteien die Hartz 4 geboren haben, Menschen mit starken Sympathien zur ehemaligen Sovjetunion, Anarchisten, weltfremde Träumer und Idealisten, Lehrmeister und Schriftsteller und wenige Arbeiter. Was aber eint diese ganze Masse? Richtig, sie sind ja alle „links“. Alles andere wäre „Spaltung“.
Das macht von außen ein Beiseiteschieben der eigentlichen Inhalte leicht. Es kommt gar nicht erst zu einer Auseinandersetzung mit dem wirklichen Inhalt.

„Die Rechtsextremen“ wollen Hitler zurück. „Mitte rechts“ (wenige bezeichnen sich heute als „rechts“, weil das bei den meiste doch noch einen herben Beigeschmack hat) geben dem Staat irgendwie Sicherheit, Halt und sorgen für den Erhalt der „Werte“, gegen den „Werteverfall“.
„Mitte links“ wählt man, wenn mensch stolz auf den „Sozialstaat“ ist und um das Gewissen geradezubiegen nicht ganz so hart zu den „Benachteiligten“ sein will. Die linken wollen die Sovjetunion zurück oder erstellen weltfremde Konzepte (die ja nicht „realistisch“ wären). Die „Linksradikalen“ machen Radau und prügeln sich mit den „Rechtsradikalen“. Achja, und „linksradikal“ heißt oft auch „Punker/Chaot“.

So oder ähnlich könnte „die Politik“ in den Köpfen vieler Menschen sortiert und abgehandelt sein.

15. Gesund/behindert

Eine „Behinderung“ definiert sich als stark eingeschränkte Arbeitsleistung. In Werkstätten nehmen Gruppen von „behinderten“ zwar noch am „Arbeitsleben“ teil, aber sie leben isoliert, arbeiten isoliert von den „gesunden“.
Der Umgang von den „Gesunden“ und die Bedeutung des „Behinderten“ zeigt vielleicht teilweise auf warum: Obwohl auch die Voraussetzungen und Veranlagungen von „den Gesunden“ äußerst unterschiedlich sind, sieht man die offensichtliche Untauglichkeit auf dem kapitalistischen Markt lediglich bei „den Behinderten“. Entweder „die Gesunden“ verbannen sie also aus ihrem Leben, hegen teilweise sogar Aggression gegen sie- oder sie reagieren mit übertriebener Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft- entziehen ihnen die Mündigkeit gleich den „Kindern“. Sie passen offensichtlich nicht ins herrschende Bild: in der Konkurrenz aller gegen würden sie offensichtlich untergehen. Statt sie für sich selbst sprechen zu lassen, ihren eigenen Ausdruck zu hören, wird ihnen die Mündigkeit kategorisch aberkannt.

Anmerkung: Folgende 2 Kategorien-Paare existieren fast ausschließlich nur in der ghettoisierten „linken Szene“.

16. Radikaler/ Reformist

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Der Scheinwiderspruch zwischen Ansätzen im „hier und jetzt“ und der revolutionären Perspektive durchzieht die „Szene“. Auf der einen Seite Umsonstläden, Hausprojekte etc. Auf der anderen Seite DemogängerInnen, FlugblattschreiberInnen und VortragshalterInnen.
Während es von ersteren heißt, sie würden es sich im herrschenden System bequem machen und ihre Nische auskosten wird zweiteren vorgeworfen nichts im „hier und jetzt“ zu machen, nicht schon jetzt bestimmte Prinzipien zu leben und als Modell vorzuführen.
Während die einen also versuchen im hier und jetzt schon soweit es möglich ist Prinzipien wie Zweckungebundenheit, Freiheit von Sexismus/Rassismus/… ökologisch verträglichere Systeme, alternative Arten des Wirtschaftens und Zusammenlebens innerhalb des bestehenden Rahmens voranzutreiben (und dabei zwangsweise an eben diesen Rahmen stoßen) wollen die anderen die heutige Situation möglichst unverblümt darstellen um die Notwendigkeit, den Rahmen zu sprengen, zu betonen.
Dass aber eine Bewegung nicht durch die alleinige Einsicht entsteht, in was für einem Gefängnis mensch lebt, sondern motivierende Impulse braucht- dass Ansätze im hier und jetzt sowie eine Reflektion und revolutionäre Perspektive von Grenzen, an die mensch zwangsweise stößt, sich gegenseitig bedingen- das lässt diese Trennung nicht zu und die beiden Teile stehen isoliert und verfeindet gegenüber.

Außerhalb „der Szene“ wird der Begriff „radikal“ meist vollkommen misverstanden und so mit Fundamentalismus und dem Einsatz von physischer Gewalt gleichgesetzt. „Radikal“ ist gleich „extrem“.
„Radikal“ kommt zunächst von radix (lat.: Wurzel), das heißt lediglich mensch geht ein Problem nicht symptomatisch an, sondern bei der Wurzel. Dies sagt ersteinmal gar nichts über die Methoden aus.

Genauso werden „Reformen“ in der „radikalen Szene“ meist kritisch beäugt, weil mit ihnen meist parlamentarische Reformen von oben assoziiert werden. Dass aus einer „Reformierung“ von unten (durch Bürgerrechtsbewegungen,…) mehr werden kann, wird dabei oft kategorisch ausgeschlossen.

17.Antideutsch/Antiimperialistisch

Nichts spaltet „die Szene“ mehr als diese Frage: „Antimperialistisch oder Antideutsch“?
„Die Antideutschen“ hätten allesamt eine „bedingungslose Solidarität mit Israel“, „die Antiimperialisten“ wären allesamt „Antisemiten“.
Alles an Theorie und Praxis, dass sich irgendwie auf der anderen Seite verorten lässt, wird kategorisch gemieden- selbst wenn er überhaupt nichts mit einem Existenzrecht Deutschlands, der Notwendigkeit eines israelischen Staates oder dem Anpreisen von Kriegseinsätzen unter amerikanischer Beteiligung zu tun hat.
Ein Diskurs kann daher nicht entstehen. Dass Staaten und Nationen generell ein Herrschaftsinstrument sind, Politik zum Vorgehen eines Staates unabhängig von den einzelnen Bewohnern stehen kann und die historische Rolle Israels speziell ist dürfte sollte eigentlich nicht einmal zu erheblichen Kontroversen zwischen den verfeindeten „Kategorien“ führen.
Davon abgesehen juckt es wahrscheinlich wenige Menschen in Israel und Palästina, wer sich mit wem irgendwo in Mitteleuropa solidarisiert (und die wenigsten von beiden Fraktionen setzen sich direkt vor Ort ein).

18.Anarchist/Kommunist/linksradikal

Eine Gruppe oder ein/e Einzelne/r definiert sich als „links, AnarchistIn, KommunistIn“ oder ähnlichen Kathegorien. Dies hat gleich mehrere Nebeneffekte:
a) Selbstbefriedigung: Durch die Identität als Anarchist/Kommunist/linker/linksradikaler ist erst einmal das Gewissen befriedigt: Ich bin auf der richtigen Seite. Dabei wird sich primär durch Gedanken definiert (selbst bei sogenannten „Materialisten“). Ich strebe die „tolle Welt“ an, also bin ich ein „tolle Weltler“. Ich denke, also bin ich. Kritisch sehe es bei der frage aus: Was mache ich in Richtung Herrschaftsfreiheit/ Wandlung/Änderung? In gleichgesinnten Gruppen zur Selbstbestätigung in Herden durch Straßen laufen und plakative Parolen dreschen? Was ist denn wirklich meine Wirkung als Anarchist/Kommunist,….?
b) Abgrenzung von der „schlechten Welt“: Obwohl die meisten genau wie alle anderen „nicht-Anarchisten/nicht-Kommunisten/ nicht-linken“ zur Schule/Arbeit/Uni gehen und sich auch sonst abgesehen von Gedanken und Gesprächen nicht von der Masse stark unterscheiden, sorgt diese Identität dagegen, den unerträglichen Widerspruch zu spüren, in dem man sich bewegt. Während der Mensch der „schlechten Welt“ den Widerspruch verdrängt, legt sich der „tolle Welt“ Mensch eine Identität zu, die ihn/sie davon abgrenzt. Manche treffen sich in „tolle Welt“ Gruppen in ihrer Freizeit statt Fahrrad zu fahren oder Schwimmen zu gehen und fühlen sich dadurch besser: „Wir tun ja was dagegen“. Im Alltag wird sich meistens gefügt- alleine sind ja auch die berühmten „Kräfteverhältnisse“ nicht gegeben und in der Gruppe im Hintergrund wird geplant. Zudem tritt mensch durch bestimmte Szene-Codes, Kleidungsstil etc. geschlossen als Gruppe auf.
c) Wenn nun andere Menschen ihn/sie der Kategorie zuordnen, in die sie sich selbst stecken und ihre eigenen Assoziationen dazu haben, versucht er/sie die Kategorie neu zu besetzen. Anarchismus heißt eigentlich nicht Chaos, Kommunismus eigentlich nicht UdSSR,…. Statt direkt zu sagen, was mensch will (was eine Auseinandersetzung mit der „bösen Welt“ bedeuten würde) schiebt mensch Argumentationsschablonen oder plakative Kathegorisierungen vor und wundert sich, wenn die Menschen da draußen die Vorkenntnisse nicht besitzen und mit der angewendeten Kategorie schon wieder „falsches“ verbinden.

Anmerkung: Folgende Kategorien zeigen herrschende Widersprüche, die ihren Ursprung in bestehenden Strukturen haben und ein Leben außerhalb dieser Kategorien schwer möglich machen. Da die Grenzen im Kopf und die Grenzen in der Gesellschaft sich gegenseitig bedingen machen wir uns diese Kategorien klar

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19.Arbeit/Freizeit oder: Produktion/Konsumption

Die herrschende Form der Arbeit ist die Lohnarbeit, die zunächst als Zwang erlebt wird. Da die Arbeit nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiert sind, sondern an den Interessen des akkumulierenden Kapitals, sieht diese Form der Arbeit auch nicht sehr rosig aus: meist hierarchisch aufgebaut (ChefIn/ Angestellte/r) und stetig dem Markt ausgeliefert. Durchbürokratisiert und entfremdet, da oft nur ein kleiner Teil eines Ablaufes oder einer Produktion aktiv verfolgt werden kann. Diese Form der Arbeit bedarf enormen Druckes von außen. Wenn die Arbeit nicht angenommen wird, droht Arbeitslosigkeit (und damit Leben am Minimum sowie eine Randposition im gesellschaftlichen Leben). Die Freizeit wird nach der Produktion unter Zwang mit der Wiederaneignung von Ware ausgeglichen- sprich: Konsum.
Eine aktive Freizeitgestaltung, eigenen Interessen und Hobbies nachzugehen, scheitert so meist an der physisch und psychisch erschöpften Situation. Folglich besteht die Freizeitgestaltung aus Ablenkung von der Lohnarbeit: Zerstreuung, Flucht. Alkohol und andere Drogen, Freizeitparks, Fernsehen, Gewinnen in der Konkurrenz auf Ebene von Sport oder Computerspiel… als Fluchtmittel vor der jetzigen Unfähigkeit der Selbstentfaltung und des eigenen Ausdrucks. Das heißt nicht, dass Alkohol und andere Drogen Fernsehen, Sport und Computerspiel „schlecht“ wären. Solange sie als Erfahrung genutzt werden und Ebene des eigenen aktiven Ausdrucks und Eindrucks und nicht als Fluchtmittel sind sie sogar gestaltend und aufmüpfig anstatt tragendes Ventil der herrschenden Strukturen.

Dass übrigens ein aktives Zusammenleben und offenes Ohr den Psychologen ersetzt, die gegenseitige Hilfe teilweise den Handwerker, die Integration pflegebedürftiger Menschen in vielfältigen Wohnstrukturen das Altenheim,… und all diese Formen von „Arbeit“ nicht bezahlt werden, deckt die Lächerlichkeit der herrschenden „Arbeits-Definition“ auf. Während ein Großteil der heutigen Berufe nicht direkt an Bedürfnissen ansetzen, sondern lediglich verwaltende, überwachende, spekulierende Aufgaben besitzen und eine Überproduktion statt Unterproduktion herrscht tun ihr übriges. Laut einer Studie wäre lediglich eine 5-Stunden-Woche möglich, um den heutigen Standard für alle Menschen aufrechtzuerhalten
( http://5-stunden-woche.de/ )
Dass Aktivität ein wesentlicher Faktor des Selbstwertgefühls ist vermag fast niemand zu bestreiten: Etwas zu schaffen- sei es im Garten oder bei einer Renovierung- befriedigt. Dass andererseits hinter Arbeit immer ein Druckmittel stecken muss, scheint für die meisten paradoxerweise genauso klar. In einer Gesellschaft, in der „Arbeit“, Werte wie „Fleiß“ und „Leistungswille“ derart hochgehalten werden, eigentlich verwunderlich.
Produktion und Konsumption sind strikt voneinander getrennt (siehe Kategorie weiter unten), genauso wie Arbeitszeit und Freizeit. Was einer Entgeldung wert ist und was nicht entscheiden die Gesetze des Marktes- das Zustecken von einem 5-Euro Schein für eine Hilfe fallen dabei nicht ins Gewicht. Sowohl Freizeit wie auch Arbeit kurbeln also die Wirtschaft weiter an, da die Freizeit meist aus Fluchtmitteln besteht (exzessive Konsumption, Flucht-Reisen an Touristen-Strände,..). Unkommerzielle Freizeitgestaltungen und Treffpunkte sind selten, meist hängt die Freizeitgestaltung mit Ausgaben zusammen. Entweder Konsum oder Produktion. Gleichzeitig Produzent und Konsument zu sein- das ist das Ziel daher von Selbstverwaltung. Hier bricht der Widerspruch, es geht nicht mehr um „geben“ oder „nehmen“, sondern um gemeinsames Schaffen für gemeinsamen Genuss. Etwas wird gemeinsam organisiert/produziert und gemeinsam genossen.

20.Sinn/Unsinn

Nichts ist selbstverständlich insofern, dass es aus sich selbst heraus verständlich wäre. Selbstverständlichkeit bedingt einen Kontext, aus dem heraus es verständlich wird. In der Schule unter Staat und Kapital ist es selbstverständlich, dass es Benotungen geben muss um eine soziale Auslese zu bezwecken.
Genauso der Sinn: Etwas macht nicht von sich aus Sinn, sondern nur im bestehenden Kontext. Das, was „sinnvoll“ oder „sinnlos“ ist, definiert sich über die herrschende Realität. Es ist nicht per se „sinnlos“ all sein gespartes Geld als Sicherheitskissen zu verschenken, aber es erscheint uns im Kontext, in dem wir leben nicht „sinnvoll“. Dass viele Menschen dennoch in dem herrschenden „Sinn“ keinen „Sinn“ für sich angesichts der Vergänglichkeit des Lebens sehen, bestätigt die subjektiv empfundene Sinnlosigkeit des herrschenden Sinns. Auch hier wieder Fluchtmechanismen aus dem herrschenden Sinn (der sich am Konkurrieren in Wirtschaft und Beziehung sowie an der Anhäufung von „Haben“ orientiert- im Kontext zur Systematik von Kapitalismus, Nation und Staat). Zerstreuung durch Konsum von Medien, die aus dem herrschenden Sinn hinausbrechen: Daher die starke Beliebtheit an chaotischen Kinder-Serien, „Jack Ass“ &co,… Unsinn des Unsinns wegen. Zerstreutes herausbrechen aus dem herrschenden Sinn. Beliebter Zufluchtspunkt sind zudem dogmatische Ansichten als Sinnfindung in Religion, Politik oder Spiritualität (mehr dazu weiter unten in der Kategorie: „Wissen/Glauben“)
Eine Sache kann bei den meisten dieser Richtungen nicht von sich aus Sinn machen (weswegen der Einzelne also nicht fähig sei, von sich aus einen Sinn zu produzieren), sondern bedarf Auslegung, Hintergrundwissen, Interpretation. Die herrschende Sinnproduktion jedenfalls mag nur für Workoholics eine Scheinbefriedigung darstellen.

21. Legal/illegal

Das herrschende Gesetz ist erst einmal eine Methode, die Vergangenheit in die Gegenwart zu holen. Beschlüsse, die einst (teilweise in der Kaiser- und Nazizeit) getroffen wurden (warum auch immer) gelten heute noch als Richtlinien. Häusliche Gewalt war beispielsweise bis in die 90er-Jahre noch nicht illegal. Es wird also nicht bestraft, weil etwas schadet, sondern weil es „illegal“ ist.
Ein Verbrechen ist zudem laut Gesetz kein Verbrechen an einer Person sondern primär eines gegen die „Gesellschaft“. Da die heutige Gesellschaftsform die des Nationalstaates ist, ist ein Verbrechen immer ein Verbrechen gegen „Deutschland“ und wird auch so geahndet bis vors Bundesgericht.
Was zudem auffällig ist: Während Wirtschaft und Politik ständig gegen ihre eigenen Gesetze verstoßen (allein von Menschenwürde bis Massenmord im Krieg) landen politische Aktivisten, individuelle Enteigner aus Verzweilfung,…ständig vor Gericht.
Der Gerichtssaal ist kein Ort der Auseinandersetzung- mensch passt ins Schema der Gesetze oder nicht. Hintergründe werden leicht angeschnitten. Letztendlich ist der Angeklagte entweder allein verantwortlich oder ihm wird die Mündigkeit abgesprochen. Gefängnis oder Psychiatrie.
Dass ca. 4/5 der geahndeten Verbrechen direkte Kapitalverbrechen sind spricht für sich- die übrigen Delikte haben dabei meist auch zumindest indirekt mit den herrschenden Strukturen zu tun. Und sei es der alltägliche Sexismus.
Das Argument, im Gefängnis würden die Gefangenen „Besserung“ (was das auch heißen mag) erfahren durch Besinnung ist erstens unlogisch und zweitens durch offizielle Statistiken widerlegt. Warum sollte jemand, der in der Gesellschaft Probleme hat durch totale Isolation und ein Umfeld voller Menschen, die auch Probleme in der Gesellschaft haben so gesellschaftlich tauglicher werden? Und wie sollen die „Infektionsherde“ von wirklich Schaden an Menschen bringenden Vorfällen gefunden und verändert werden, wenn nur die „Infizierten“ weggesperrt werden, als gäbe es die Probleme nicht?
Dass das kein angemessener Umgang mit Problemen, die im Wechselspiel Einzelner/Gesellschaft entstehen ist, dürfte aus dieser Perspektive deutlich sein. Dass ein Lernen im Umgang mit Grenzen von Menschen auch ohne jahrelangem Wegsperren möglich sein dürfte, auch. Aber „die Illegalen/Kriminellen“ sind eine andere Kategorie als „die braven Bürger“- und aus ihrem Kontext heraus verstehen sie erstere nicht mit ihren Problemen. Und erst recht verstehen sie nicht, dass ihre Realität die Realität dieser bedingt, sie zusammenhängen durch soziale Strukturen.

22.gut/böse, moralisch/unmoralisch

Im Gegensatz zur Antike hat sich unser Moral-Begriff stark gewandelt. Was einst als individuell-ethische Frage, also als Frage der sich mit Erfahrung und Reflektion wandelnden Richtlinien über die jeder selbst Gewalt hat, entstand ist heute quasi ein gesellschaftlicher Gesetzes-Katalog, nach dem gerichtet wird- ganz ohne „Gericht“.
Moral ist also heute mehr oder weniger verinnerlichtes Gesetz. „Gut“ und „böse“ funktioniert so ähnlich wie „legal/illegal“. Morde an sich sind schlecht. Morde von Staaten (Kriege) nicht unbedingt, es kann ja auch „notwendig“ sein. Morde von einzelnen können nicht notwendig sein.
Klauen im Laden ist „böse“, Ausbeutung akzeptiert.
Zwar werden Ausbeutung und Kriege im allgemeinen auch ab und an kritisch beäugt, sind aber weitestgehend „akzeptiert“.
Die heutige Moral bricht nicht aus dem herrschenden Rahmen heraus, ist der Feind der Veränderung. Klar ist es innerhalb der Logik des heutigen Rahmens irgendwo nicht fair, im einen Laden zu klauen und im anderen nicht, denn sie müssen schließlich beide in der Konkurrenz überleben. Es wäre auch irgendwo innerhalb dieses Rahmens nicht fair, dass manche Lohnarbeit leisten und andere nicht und beide gleiches Geld bekämen. Dass Lohnarbeit, Konkurrenz von Firmen und abziehen des Mehrwerts zum Aufstocken von Kapital,… etc. generell „unfair“ sind, die „Verlierer“ immer Kapitalslosen sind- darauf kommt die herrschende „Moral“ nicht.

23.Frieden/Gewalt

Besonders heuchlerisch ist der herrschende Friedens-Begriff und deswegen wird er auch hier noch einmal einzeln behandelt (auch wenn er vielleicht als Unterpunkt zu „legal/illegal“ und „moralisch/unmoralisch“ noch gepasst hätte).
Als „Frieden“ gilt hier zunächst die Abwesenheit von „ungewohntem“- bishin zu „Erregung öffentlichen Ärgernisses“.
Die tagtägliche strukturelle und kulturelle Gewalt (neben der physischen durch Staatsgewalt und Militär) dabei ist „Normalität“. Passivität, Legalität, Angepasstheit heißt Frieden.
Mensch frisst alles in sich hinein und welgt sich in der letzten Befriedigung, immerhin „friedlich“ zu sein.
Wer das aber nicht macht, kriegt die Misachtung zu spüren. Der brave Bürger, der alles schluckt obwohl es so schmerzt misachtet das in ihm selbst unterdrückte, verdrängte: den Ausbruch.
Sogar eine ohne jegliche physische Gewalt verlaufende Aktion (Sit-In, Stürmen von Rathaus, Hausbesetzung,..) wird so zu „Gewalt“, während die Räumung unter Knüppelschlägen für den „herrschenden Frieden“ stehen.

24.Schön/Hässlich, Gut/schlecht

(als Meinung zu einem aktuellen Thema, nicht als Ideal wie „gut/böse“)

Mit der Ästhetik ist es wie mit der Moral: Niemand hat etwas dagegen, dass der/die eine spezielle, sich entwickelnde und wandelnde Vorlieben hat. Was aber die herrschenden Schönheitsideale betrifft, sind jene weit weg von einer individuellen Entwicklung eines eigenen „Geschmacks“. Schön ist hier das, was der auf dem Markt abgestumpfte noch irgendwie fassen kann.
So träumt der konstruierte „Mann“ gerne von einem seltsamen Widerspruch von Zerbrechlichkeit und Disziplin/Beherrschtheit. Runde Formen und doch gertenschlank.
Die konstruierte Frau träumt vom kräftigen Beschützer-Typ. „Schön“ heißt dabei humorvoll- das heißt er soll die gesellschaftlich an ihn gestellten Ansprüche stellen aber dennoch über ihnen stehen und darüber lachen können.
Auch in Sachen Kunst und Musik sieht man diesen Anspruch. Der Brei aus Chart-Stürmern geht von infantilem „Schnappi“-Gesang bishin zu „Ich-warte-sehnsüchtig-auf-dich“- Frauengesang oder arrogantem Pseudo-Straßenrap. Die Medien wirken dabei als Verknüpfungselement: Es wäre verkürzt zu sagen, „die Medienmacher“ würden den Geschmack und die Gedanken kontrollieren.
Vielleicht wird mensch sich aber durch genaueres hinsehen auf „die Medien“ einiger Faktoren bewusster.
Wir sind nicht nur Konsumenten der „Medien“, sondern auch Produkte. Die Sender beispielsweise verkaufen uns als Einschaltquoten an die Werbeindustrie. Es geht auch nicht darum, was ein Mensch gerne herausbringen will, sondern was sich verkauft.
Beispielsweise ist eine Zeitung, die an den Menschen Ansprüche stellt, im heutigen Kontext wenig marktfähig, da es den meisten um ein Erhabenheitsgefühl geht um als gleichgestampfter, ruheloser Mensch ein Sicherheitsgefühl und Selbstwertgefühl daraus zu ziehen, dass es scheinbar noch „schlimmere“ Menschen gäbe. „Die Politik, die Stars, die Jugendlichen,..“ nichts, worüber mensch sich so nicht aufregen und befriedigen könnte. Es gibt einen konstruierten Diskurs („Handystrahlung ja/nein“). Die MitverfolgerInnen können sich auf eine Seite stellen oder über die beiden „Extremen“ lachen und sich erhaben in der Mitte suhlen. Darüber hinaus (warum braucht jeder Anbieter einen eigenen Sendemast? Wer entscheidet letztendlich, ob einer gebaut wird? Was ist der Zweck für so eine Technik individuell und gesellschaftlich?) wird in den Medien dabei nicht gesprochen. Irgendwann ist das Thema „nicht mehr aktuell“, durchgekaut und abgelegt und es wird nach einem neuen Ausschau gehalten, das sich aufziehen lässt. So entstehen Meinung und Geschmack.

25.Beziehung/Nicht-Beziehung

Der Unterschied zwischen Status und lebendigem Austausch zeigt sich besonders in Beziehungen. Obwohl wir mit vielen Menschen „in Beziehung zueinander“ stehen, die unterschiedlich in Beschaffenheit, Art und Tiefe sind hängen viele dem Konstrukt hinterher es gäbe „die eine“ Beziehung, die eine ganz andere Klasse hat als jede andere Beziehung in unserem Leben. Mit dieser einen Beziehung (die im herrschenden Idealbild heterosexuell sein muss) muss alles geteilt werden- sie muss alles erfüllen, was mensch braucht. Funktioniert dieser „Ideal-Austausch“ nicht mehr, so wird die Beziehung in der Regel ganz gekappt und jemand neues wird für „den Thron“ gesucht. Polymamory dem entgegengesetzt heißt nicht, dass die Beziehungen beliebiger werden und es keine Verbindlichkeit mehr gäbe, sondern dass ebendieses Korsett aus Idealvorstellungen abgelegt wird. Statt „wir zwei als Team gegen den Rest der Welt“ (das ein Konkurrenzdenken zum „Rest der Welt“ nicht ausschließt) könnte es so für Entwicklung offenere Beziehungsgefüge geben, die sich nicht in der Zweierzelle abkapselt, einsperrt und letztendlich selbst auffrisst. Letztendlich werden aus Verlustangst zu „der Beziehung“ häufig Dinge verheimlicht, Bedürfnisse unterdrückt, Sachen nicht ausgesprochen. Das „alles oder nichts“ Prinzip wird durch den „einen Thron“ bedrohlich verstärkt und wenn am Ende doch die Herabstoßung ins „nichts“ erfolgt folgen in der Regel lang angestaute, nun scheinbar unüberbrückbare Differenzen und Unverständnis.
Das soll kein Plädoyer gegen Zweierbeziehungen sein- solange die Zweisamkeit kein Korsett und Gefängnis darstellt.

26. Theorie/Praxis

Die Vorstellung, eine Theorie wird aus der Erde gesogen und fließt schon irgendwie wieder ein, das Subjekt stünde außerhalb der Umwelt und könne durch bestimmte Methoden etwas aus ihr herausziehen das dann „objektiv“ wäre entpuppt sich v.a. in den Gesellschafts- und Geisteswissenschaften selten als praktikabel. PoststrukturalistInnen gehen soweit und meinen die Theorie wäre schon eine Art Praxis. Das sie aber voneinander nicht loszulösen sind, will man wahrlich eine Entwicklung sehen, sollte klar sein. Theorie ohne Praxis verliert sich in Vortrags-Grabenkämpfen mit ewig gleicher Zuhörerschaft. Praxis ohne theoretische Reflektion dreht sich im Kreis und vefällt leicht den „Schubladen“. Bücher z.B. können so als Werkzeuge betrachtet werden. Auch Debatten über Grundsatzfragen stellen sich so am besten anhand konkreter Situationen. Mensch kann zwar 100mal über abstrakte Begriffe wie „Gewalt“ diskutieren, doch pauschal und prinzipiell lässt sich so etwas nicht lösen (oder waren Sabotage-Akte der Edelweißpiraten etwa nicht nachvollziehbar?).

27.

Gedanken/Gefühle (innen/außen) und Glaube/Wissenschaft (Kunst/Hobby)

Schon Heranwachsende bekommen diese Trennung zu spüren. Während sie noch auf die Eltern angewiesen sind tritt dieses Prinzip schon auf im Satz „Du bekommst meine Zuneigung nur, wenn…“ und läutet die Gesetzgebung von außen ein. In der Schule wird weiter das kognitive im Sinne von auswendig gelernten Schemen, Gesetzen, Prinzipien und Informationen trainiert unabhängig von der individuellen Wesensentwicklung. Sprich: im öffentlichen, im „außen“, hat die Gefühlswelt keinen Platz. Isoliert verarbeitet der/die Einzelne nach innen hin (oder, wenn eine gewisse Hürde umwunden, im engen Umkreis) die Eindrücke und würd von Ansprüchen von außen und seiner/ihrer Innenwelt hin- und hergezogen. So entstehen Sätze wie „man macht, man sagt, man tut,…“ sowie das Bedienen gesellschaftlich anerkannte Schubladen. Bishin zur Berechnung der Sprengkraft einer Bombe und Massenentlassungen muss diese Trennung zwischen Gefühlsleben (Privatleben) und Verstandesleben (öffentliches Leben) schon sehr weit vollzogen sein. Dass auch hinter jedem Gedanken emotionale Beweggründe stecken (z.B. bei Wissenschaften zur Lebensverlängerung die eigene Angst vorm Tod) und hinter jedem Gefühl auch Gedanken (besonders deutlich in der Beziehung von Menschen und von ihnen gedanklich kategorisierten Menschen) lässt die herrschende Realität schwer erkennen. Dass jede Wissenschaft aus einem gesteckten Rahmen besteht (Ursprungsvoraussetzungen, die zunächst angenommen, geglaubt werden und das Fundament der einzelnen Wissenschaften bieten) ist auch ein wichtiger Aspekt dessen. Die Germanistik geht von der deutschen Sprache aus, verschiedene philosophische Strömungen davon, dass es „eine Wahrheit“ gäbe etc. Dass aus jeder Wissenschaft nicht selten universelle Ansichtsweisen kommen und die Theorie dabei getrennt von der Situation des/der Wissenschaftlers/Wissenschaftlerin steht, sollte weiter skeptisch machen von der „großen Wissenschaft“.
Eine Aussage hat Ursachen und Gründe- ob sie von einem/r WissenschaftlerIn formuliert ist aus seiner/ihrer Situation heraus oder einer Putzkraft in seiner/ihrer Lage.
Wie sehr viele Menschen jedenfalls nach Gefühl in der Öffentlichkeit sehnen, zeigen allein Soaps oder der Run auf einige Stars, die einen Teil ihres Privatlebens öffentlich machen und verkaufen- konsumierbares Gefühl. Dieses Phänomen führt rückschließend oft zum Trugschluss, Privati und Öffentlichkeit zu durchbrechen hieße automatisch eine Art Prostitution oder Exhibition.

29. Wertvoll/wertlos

Zunächst ist, ob etwas für eine/n wert hat oder nicht eigentlich eine sehr individuelle Angelegenheit. Der/die eine hat einen besonderen Bezug zu Teppichen, dem/der einen schmeckt Tomatensaft besonders,….
Allerdings gibt es im Kapitalismus neben einem Gebrauchswert den Tauschwert, der sich auf dem Markt bildet. Was wert hat und was nicht bestimmt der Markt. Diese Wertung wird dann häufig übernommen. Ein Produkt., das heute noch teuer (wertvoll) ist kann morgen schon wertlos sein (z.B. bei Erneuerungen von Computern, in der Mode,…). Ein Ziegel, der immernoch gleiche Qualität besitzt kann plötzlich wertlos werden, wenn eine Konkurrenz-Firma technische Überholungen getroffen hat oder das Konzept gar ganz verworfen wurde. Wer dann die Flucht rückwärts sucht und „alte Werte“ aufrecht erhalten will liegt dabei nicht günstiger als wer neue von unten schaffen möchte.

30. Sicherheit/Freiheit

Die herrschende Politik bedient sich stetig dem Scheinwiderspruch „Freiheit/Sicherheit“ und spielt beide gegeneinander aus. Es bräuchte quasi einen von ihnen gegebenem Rahmen von Verboten, damit sich alle nicht umbrächten. Dass die Menschen Angst vor den Menschen haben und eher in den Staat vertrauen ist eine Nekrophilie, die u.a. aus den Trennungen „Einzelner/Gesellschaft“ und „Gefühl/Gedanken“ resultiert. Die isolierten Subjekte fürchten sich vor der unbekannten Außenwelt und werden von den Medien stetig mit aus dem Zusammenhang gerissenen Schreckenstaten bombadiert- ein lustvolles Schaudern wie beim Horrorfilm.
Folglic versuchen sie die Symptome, deren Ursachen sie nicht verstehen und nachfühlen können, wegzusperren. Stetig werden härtere Bestrafungen gefordert und gegen die immer weiter aufgezogene staatliche Überwachung haben wenige etwas auszusetzen. „Die Kriminellen, Irren, Autonomen, Chaoten“,… bilden die notwendige Stütz-Kategorie. Freiheit ist dabei immer soweit Freiheit, wie weit sie sich die einzelnen aus ihren Erfahrungen vorstellen können. Ein Tier, das jahrelang im Käfig getreten wurde wird zunächst sehr aggressiv sein, wenn man es freilässt. So ein Szenario können die meisten sich vorstellen, wenn sie an Freiheit außerhalb des herrschenden Rahmens denken. Die wenigen, die Solidarität zwischen Menschen ohne Zwang und Zweckbestimmung erlebt haben sind in der Unterzahl und müssen in der Regel die Angst der anderen spüren und ihre Form von „Sicherheit“.
„Freiheit“ im heute herrschenden Kontext ist die Freiheit des Marktes (Neoliberalismus), Sicherheit die des Staates durch Überwachung und Kontrolle.

31. Groß/klein, Mehrheit/Minderheit, zentral/dezentral, Einheit/Vielfalt

Mehrheit ist immer eine Konstante, während Minderheit für ein vielfältiges Prinzip steht. Es ist also nicht Aufgabe der Befreiung, die „Mehrheit“ zu erlangen, sondern Vielfalt. Dass viele Menschen sich gerne auf „das Große“ berufen (Staat, Institution, Norm, Moral,…) hängt mit der eigenen Unsicherheit in der Isolationsangst zusammen. So bietet Einheit, Größe, Zentralität, Mehrheit immer ein Dach, an dem isolierte Einzelne sich in der Masse in „Sicherheit“ wägen können- während die Titanik untergeht, gehen sie so gemeinsam unter. Sie berufen sich auf „man“ oder auf eine „Menschennatur“, rationalisieren ihre Angst vorm „Loslassen“, weil es eine Konfrontation mit der eigenen Unsicherheit darstellt. Dass eine gewisse Isolation zwar ein „mit-sich-allein-sein“ heißt, aber für die Entwicklung wirklicher Individuen essentiell ist, wird verdrängt, denn es hieße eine Loslösung der Bindung ans Unvergänglichkeit heuchelnde „Großé“ (Staat, Nation, Moral, Religion,….)

32. Ordnung/Unordnung (Chaos)

Ordnung an sich ist zunächst ein wenig sagender Begriff, denn die Frage ist: Was soll wie geordnet sein? Beispiel: Mein Zimmer erfüllt jegliche Zwecke, die ich an es stelle- es bietet mir Inspiration durch Wandgestaltung, es hat Platz für Besuch und meine Bücher liegen neben dem Bett. Es ist für mich also ordentlich. Wenn nun jemand zu Besuch ist und meint, es sei hier aber sehr unordentlich, passiert das nur weil er die Zwecke des Zimmers für den Darinlebenden nicht durchschaut. Für ihn ist das Zimmer von außen unordentlich.
Soviel zum Begriff.
Was heute unter „Ordnung“ verstanden wird ist einfach das, was die meisten Menschen kennen- wenn diese „Ordnung“ von Staat und Kapital auch heißt, dass überall Armut, Kriege und Unterdrückung herrschen. Es ist die Ordnung und zwar die einzige.
Unordnung wäre, wenn sich die Unterdrückten wehren und andere Ideen des Zusammenlebens in die Gesellschaft hinausschreien.
Ordnung und Unordnung sagen also erst einmal gar nichts aus, außer ob die VerwenderInnen ein Geschehen erfassen können oder nicht. Da das Geschehen während einer starken Entwicklung besonders schwer zu fassen ist, wird irgendwer dabei immer um die „Ordnung“ bangen.
Dass z.B. die Natur ein riesiges Chaos ist naturwissenschaftlich gesehen (Chaos-Theorie) und gerade dadurch so gut funktioniert, leuchtet wenigen ein.

Zu guter letzt soll hier noch gesagt sein, dass auf dem Weg jenseits der Kategorien nicht zurückgeschreckt werden darf: Mensch merke sich, dass was als „realistisch“ gesehen wird immer nur die aus den Erfahrungen wahrscheinlich eintreffenden Prognosen sind- wenn mensch sich also nur darauf stützt, so wird nichts neues geboren werden. Also „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche!“

PS: Wenn der Autor von „viele Menschen“ usw. spricht, will er sich selbst auch nicht ausnehmen, was eigentlich aus dem Text schon verständlich sein sollte.
Die hier aufgezählten Kategorien sind zudem bei weitem nicht alle, wenn jemand auf eine stößt, die ihm/ihr zu schaffen macht, möge die Person sich gerne bei uns melden und zu Ergänzung beiragen. Auch Kritik wird gerne entgegengenommen. Lasst uns dem herrschenden Schubladensystem entgegentreten, für eine Welt der Vielfalt!