Pamphlet/Kritik an der linken/linksradikalen Identität

Der „linksradikale Aktivist“ bewegt sich in einem grundsätzlichen Widerspruch, der ihn/sie auch erst zu eben jenem/jener macht.

Dieser ist recht einfach und schnell zu erfassen, doch komplex in seinen Auswüchsen:
Einerseits will er/sie in einer tollen Welt leben- andererseits will er/sie auf dem Weg dorthin möglichst wenig mit der bösen Welt (die Welt, in der wir jetzt leben) konfrontiert werden.

Nun werde ich erst einmal einen Beleg für so eine fiese Vermutung reichen müssen.

1. Die Menschen werden in 2 Kathegorien eingeteilt. „Die Bürgerlichen“ sind jene, die man sowieso nicht erreicht und an die Aktionsformen generell nicht gerichtet sind. Der Rest, also all jene die grob dieselbe „tolle Welt“ anstreben, spricht man durch Vorträge an, auf denen es Grabenkämpfe gibt, ob die „tolle Welt“ nicht besser so oder so zu erreichen ist. Das ganze wird dann „öffentliche Auseinandersetzung“ genannt.

2. Beim Schreiben eines Flugblattes wird sich bewusst der Sprache bedient, die wiederum eben jene anspricht. Auf bestimmte Vorkenntnisse zu verzichten, Dinge direkt anzusprechen ist gleichzusetzen mit einem „sich anbiedern“ und einem Schreiben eines „kleinbürgerlichen Textes“.

3. Linksradikaler Mensch hält sich primär geschlossen in „wir wollen dieselbe tolle Welt“- Gruppen auf, kleidet sich ähnlich und tritt öffentlich geschlossen auf. Eine kleine, eigene, geschlossene „tolle Welt“ wird aufgebaut, soweit es möglich ist- formal ist sie natürlich offen für jeden/jede. Gegenseitig bestätigt mensch sich in Gedanken und Taten.

4. Riesige Angst vor allzu großer Spontanität: Alles muss vorerst sorgfältig durchkritisiert und durchdiskutiert werden, alle Gefahren abgewogen werden, jeder Zweifel berücksichtigt. Vorträge, Flugblätter, Filmvorstellungen sind allemal häufiger als wirkliche Aktionen (nicht blos in Herden durch Straßen ziehen). Die Menschen der „bösen Welt“, die seit ihrer Kindheit kein zweckungebundenes Stündlein mehr erlebten und dem herrschenden Prinzip kein aus ihrer Erfahrung besseres Prinzip entgegenstellen können, werden dann als „dumm“ abgestempelt, weil sie Argumentationen die auf solchen Erfahrungen beruhen nicht ähnlich empfinden.

5. Angst vor Naivität: Um sich durchzusetzen muss mensch wissenschaftlich klingen. Ganz naiv dem interessierten Menschen ist es nicht zu erklären: „Les mal das dicke Buch, dann bist du auf meiner Argumentations-Ebene“. Hey, warum bist du eigentlich jetzt gegen den Kapitalismus? – Ach, das ist mit der Akkumulation…. Les doch mal das Kapital. Das ganze driftet irgendwann oft soweit ab, dass linker Mensch es Leid ist, Erklärungen abzugeben und „Arroganz“ sich nach außen hin einstellt.

Für einen weiteren Punkt muss ich weiter ausholen, er gehört aber quasi immer noch zum Beleg: es ist die „Identität“.
Eine Gruppe oder ein Einzelnen definiert sich als „links, Anarchist, Kommunist“ oder ähnlichen Kathegorien. Dies hat gleich mehrere Nebeneffekte:

1. Selbstbefriedigung: Durch die Identität als Anarchist/Kommunist/linker/linksradikaler ist erst einmal das Gewissen befriedigt: Ich bin auf der richtigen Seite. Dabei wird sich primär durch Gedanken definiert (selbst bei sogenannten „Materialisten“). Ich strebe die „tolle Welt“ an, also bin ich ein „tolle Weltler“. Ich denke, also bin ich. Kritisch sehe es bei der frage aus: Was mache ich in Richtung Herrschaftsfreiheit/ Wandlung/Änderung? In gleichgesinnten Gruppen zur Selbstbestätigung in Herden durch Straßen laufen und plakative Parolen dreschen? Was ist denn wirklich meine Wirkung als Anarchist/Kommunist,….?

2. Abgrenzung von der „schlechten Welt“: Obwohl die meisten genau wie alle anderen „nicht-Anarchisten/nicht-Kommunisten/ nicht-linken“ zur Schule/Arbeit/Uni gehen und sich auch sonst abgesehen von Gedanken und Gesprächen nicht von der Masse stark unterscheiden, sorgt diese Identität dagegen, den unerträglichen Widerspruch zu spüren, in dem man sich bewegt. Während der Mensch der „schlechten Welt“ den Widerspruch verdrängt, legt sich der „tolle Welt“ Mensch eine Identität zu, die ihn/sie davon abgrenzt. Manche treffen sich in „tolle Welt“ Gruppen in ihrer Freizeit statt Fahrrad zu fahren oder Schwimmen zu gehen und fühlen sich dadurch besser: „Wir tun ja was dagegen“. Im Alltag wird sich meistens gefügt- alleine sind ja auch die berühmten „Kräfteverhältnisse“ nicht gegeben und in der Gruppe im Hintergrund wird geplant.

3. Wenn nun andere Menschen ihn/sie der Kathegorie zuordnen, in die sie sich selbst stecken und ihre eigenen Assoziationen dazu haben, versucht er/sie die Kathegorie neu zu besetzen. Anarchismus heißt eigentlich nicht Chaos, Kommunismus eigentlich nicht UdSSR,…. Statt direkt zu sagen, was mensch will (was eine Auseinandersetzung mit der „bösen Welt“ bedeuten würde) schiebt mensch Argumentationsschablonen oder plakative Kathegorisierungen vor und wundert sich, wenn die Menschen da draußen die Vorkenntnisse nicht besitzen und mit der angewendeten Kathegorie schon wieder „falsches“ verbinden.

So eine „Identität“ beinhaltet zudem eine Trennung gegen die mensch zugunsten einer Änderung eigentlich grundlegend agieren müsste:
Die Trennung von „Politik“ und „Leben“.
Das Wort „Politik“ in unserem Sprachgebrauch ist einfach eine verwaltung der herrschenden Wirtschaft und des Staates. Alles, was sonst unter „Politik“ verstanden wird, sind Gruppen „für etwas/jemand anderes“. Menschen für Menschenrechte global, Menschen für Umwelt,…
Nie betrifft es im Sprachgebrauch das eigene Leben.
Doch sind Leben und Politik nicht voneinander zu trennen: Politik als Organisierung von Menschen, also als wesentlicher Faktor der Umwelt, und der Einzelne sind nicht voneinander zu trennen- außer mensch will es der Herrschaft einfach machen, die sich dieser Abstraktion bedient und ohne jene nicht existieren könnte.

Zu einer persönlichen Entwicklung bedarf es einer geselschaftlichen Entwicklung und umgekehrt. Grenzen im Kopf und Grenzen auf der Welt sind nicht voneinander zu trennen- alles was den Menschen heute so „heilig“ ist (zwischenmenschliche Beziehungen,…) ist nicht unabhängig von den Bedingungen, die Gedanken und das Leben sind nicht unabhängig davon. Jeder Mensch ist politisch aktiv- das einzige Problem ist, dass die wenigsten sich dessen bewusst sind und daher auch nicht bewusst aktiv sein können.

So eine Spaltung, die eine Entwicklung und Bewegung lahmlegt, steckt schon in so einer „Identität“. Sie dient der Außenwelt als bequemes Schubladen-Etikett (wenn „links“ draufsteht, muss ich mich mit dem Inhalt des Flugblatts ja gar nicht beschäftigen, da ich sowieso schon weiß, was „linke“ wollen) und dem Identitäts-Besitzer als Selbst-Befriedigung.
Wenn ich herrschaftsfreie Impulse gebe, BIN ich Anarchist und brauche mich nicht so zu nennen- als einzelner und als Gruppe.

Ähnliches Prinzip findet man doch in Parteien: die „christliche“ Partei, die „soziale“, die „ökologische“,….
Alles Ansprüche, die nur einer Selbstbefriedigung und eines Image dienen. Doch gerade wir sollten solch ein Versteckspiel doch nicht nötig haben.